Diesel: Update als Beruhigungspille – auch für die Industrie

Und ganz am Ende schimmert ein Update.

Die Erwartungen waren so hoch aufgetürmt, das Spitzengespräch zwischen Bundesregierung und Automobilindustrie konnte nur ein Gipfel sein. Der Diesel-Gipfel, der den Diesel-Skandal beenden sollte. Ende gut. Alles gut? Aus mehreren Gründen nicht. Es ist ein Placebo, das Gerichte wohl als solches enttarnen werden: Nicht einmal bei neueren Diesel-Fahrzeugen genügt ein Software-Trick, um den Software-Dreck zu reinigen. Der Kompromiss als Krönung der Diplomatie hat gesiegt, mit Blick auf die Wahl, mit Blick auf die mächtige Lobby und der Deutschen liebstes Kind. Dem Volk der Selbstzünder wird ein Update als Beruhigungsmittel verabreicht, der Industrie leider auch. Eine wirklich zündende Idee hätte anders aussehen, hätte aufwecken müssen. Vielleicht so:

Mit einem Signal der Bundesregierung: Spätestens 2030 sollte sie die Steuervorteile auf Firmenwagen streichen, mal wenigstens, wenn sie von einem Diesel angetrieben werden. Öffentlich genutzte Fahrzeuge, das wäre ein Impuls, dürften ab 2020 nur noch mit Strom fahren. Nur da, wo es nicht anders geht: mit Erdgas. Dank des gegenwärtigen Steuersegens können viele Millionen Euro zusätzlich locker gemacht werden für die Erforschung und den Einsatz neuer Antriebstechnik. Damit Deutschland in Sachen automobiles Know-How an der Weltspitze bleibt, statt sich in Software-Updates und zu kleinen Harnstofftanks zu verlieren.

Mit Signalen der Autoindustrie: Wenigstens von Herstellern mit kleineren Stückzahlen  könnte man die Abkehr vom reinen Verbrennungsmotor erwarten. Vielleicht nutzt OPEL ja noch die Chance, die ein Eigentümerwechsel bietet? Aber auch die global agierenden Riesen sollten nicht mal zum Schein auf „Weiter so!“ setzen. Zwar finanzieren sie hinter den Kulissen längst innovative Start-Ups, und die vielen Zulieferer sind eh an hohe Innovationsdrehzahlen gewöhnt. Zwar war der Gipfel wohl der Anfang des Abschieds vom Verbrennungsmotor; aber den werden die Konzerne verzögern, um vorhandene, erprobte Technik und Anlagen auszulutschen bis zum Geht-nicht-mehr; das erhöht die Marge. Visionen kann man das nicht nennen.

Leider, leider fehlte sowohl der Branche als auch der Bundesregierung der Mut, sich zur Zukunft zu bekennen. Weil sie mit Schmerzen verbunden ist.

Sonst hätten sie ein gemeinsames Signal des Aufbruchs verkündet, ein Abkommen von Regierung und Industrie: Wir bereiten Deutschland vor auf den Wandel, der verbunden ist mit einem massiven Stellenabbau in der Autobranche. Denn an dem führt wohl kein Weg vorbei – auch wenn sich kaum einer traut, öffentlich darüber zu reden. Die Zukunft des Automobils (egal, ob sie in 10 oder in 20 Jahren die Straßen prägt) braucht keine Dieselmotoren, keine Benzinmotoren, keine Getriebe, keine Lichtmaschinen, keine Antriebsstränge, keine Katalysatoren, keine Auspuffanlagen mehr.

Es ist höchste Zeit, das offen anzusprechen und rechtzeitig zu überlegen, wie top aufgestellte deutsche Weltfirmen diesen Wandel gestalten und dennoch profitieren können. Wie die vielen Arbeitsplätze zu ersetzen sind, die verloren gehen, und welches Know-How künftig gebraucht wird. Momentan schwimmt die Bundesregierung im Geld, und auch die großen Autohersteller fahren fette Gewinne ein. Das Geld wäre gut angelegt in der Forschung; im Umbau der Infrastruktur, um Deutschland auf das autonome Fahren und die Vernetzung aller Autos vorzubereiten; in der Aus- und Weiterbildung, beim Aufbau von einheitlichen Ladestationen (die man praktischerweise ergänzen könnte um Speicher für den launischen Wind- und Sonnenstrom).

Ein Spitzentreffen, das sich mit dieser Zukunft befasst, wäre ein Gipfel für die Geschichtsbücher. Ansporn gibt es bei den ehemaligen Managern der Werftindustrie, der Textilhersteller, bei Grundig und AEG. Sie könnten berichten, dass es gilt, ganz früh mutig große Entscheidungen zu treffen. Stattdessen wird um Updates gefeilscht. 

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