Es gibt eine historische Alternative zur Sommerzeit. Naja: fast!

Da ist sie wieder: die Zeitumstellung. Die Sommerzeit raubt uns eine Stunde Schlaf und beschert uns im Gegenzug als täglich grüßendes Murmeltier: den Strom altbekannter Tipps und Eselsbrücken und die Diskussion um Sinn (abnehmend) und Unsinn (zunehmend) dieser ganzen Aktion. Im Grunde halte ich dieses Vor und Zurück auch für einen ausgemachten Bürokratenstreich. Aber sind die Alternativen wirklich so viel besser? Wer mal gründlich nachdenkt, findet fast überall einen Haken. Irgendwie gibt es nur eine Lösung, die mir gefallen würde. Aber die ist leider seit gut 150 Jahren aus der Mode gekommen und heutzutage (noch) völlig unpraktikabel.

Wer ist denn noch FÜR die Zeitumstellung? Allenfalls die Bürokratiebetonköpfe in Brüssel mit der Begründung, dass wenigstens dieses eine Element der Politik von Dauer sein muss. Wie ein Denkmal von vorgestern. Alle anderen addieren Jahr um Jahr mehr Argumente gegen das halbjährliche Geben und Nehmen von 60 Minuten: Die Menschen macht es wirr und krank, manche sogar sterbenskrank, heißt es. Sogar das liebe Vieh, das zwar selbst dem Zeitmanagement nicht unterliegt, wird vom ihnen häufig aufgezwungenen Taktwechsel der Bauern so sehr verwirrt, dass seine Leistung nachlässt.

Noch ahnt sie nichts vom Stress der Zeitumstellung.

Noch ahnt sie nichts vom Stress der Zeitumstellung.

Wir sind uns da völlig einig: Weg mit der Zeitumstellung.

Aber was dann?

Wenn schnell entschieden würde, könnten wir doch schön bei der Winterzeit bleiben, an die wir uns jetzt so tapfer gewöhnt haben. War doch alles in allem passend, und ohnehin ist die Sommerzeit die „falsche“ Zeit. Aber was sagen wir im Juni/Juli/August? Selbst am längsten Tag verschwindet dann die Sonne schon weit vor 21 Uhr hinterm Horizont, zu einer Zeit also, wo dank Sommerzeit der Sonnenuntergang noch beste Grillstimmung verbreiten würde. Und im August wird es ohne Umstellung schon gleich nach der „Tagesschau“ dunkel.

Also machen wir den einen Wechsel noch mit und retten die langen, lauen, Sommerabende. Nur: Der Winter darauf ist nicht mehr lustig. Vor Weihnachten ist dann morgens die Sonne erst um halb zehn zu ahnen. Bis dahin ist es finster. Lehrer und Schüler müssen in finsterer Nacht in die große Pause. Gruselig, diese Vorstellung. Dass die Sonne erst gegen 17:30 Uhr untergeht, hilft uns im Winter auch nicht weiter.

Da punktet ein Vorschlag, die Zeitumstellung so zu vollziehen, wie Ärzte es für Kinder vorgeschlagen: schrittweise. Man könnte Tag für Tag einige Minuten abziehen, bis rechtzeitig im Sommer die richtige Grill-Zeit aktiv ist. Und dann die Uhr in Richtung Winter wieder langsam, Stück für Stück zurückstellen. Das klingt gesundheitsbewusst und stressfrei, weil ja doch immer mehr Menschen Funkuhren besitzen oder eh nur noch aufs Handy gucken, um die Zeit zu erfahren. Aber wehe, man muss seine Uhren noch von Hand stellen. Oder arbeitet bei der Bahn … Lassen wir das lieber.

Die beste Lösung finden wir in der Vergangenheit. Wir verdanken sie dem Englisch-Professor Benjamin Reiss von der Universität Atlanta und seinem gerade erschienenen Buch „Wild Nights: How Taming Sleep Created Our Restless World“. Darin beschreibt er, dass erst die Industrielle Revolution die Menschen in feste Schlafenszeiten gezwungen hat – entsprechend den Erfordernissen der neuen Fabriken. Vorher waren die Schlafgewohnheiten persönlicher: Wer müde war, schlief. Vor 200 Jahren haben die Menschen ihre Schlafenszeiten ganz von selbst an die Jahreszeiten angepasst. Und an ihre eigenen Bedürfnisse. Eine staatlich verordnete Zeitumstellung und ökonomisch festgelegte Ruhephasen wären ihnen völlig fremd gewesen. Gut möglich, dass die zunehmende Flexibilisierung der Arbeitszeit und das „Home Office“ uns eines Tages wieder in solch glückliche Zeiten führen. Aber momentan ist leider noch nicht daran zu denken.

Also bleiben wir vorerst bei der Umstellung, regen uns ein bisschen auf, genießen aber schon die Aussicht auf lange, laue Sommerabende und freuen uns auf die Rückerstattung der verlorenen 60 Minuten im Herbst.

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