Wettkampf im Supermarkt – Von Selbstbedienern und Selbsterziehern

Selbstbedienung. Welch ein Wort. Darin steckt: Jeder ist sein eigener Diener. Oder modern: sein eigener Dienstleister. Irgendjemand offeriert zwar Waren oder Dienstleistungen, überträgt aber einen Teil der Leistungen auf die Kunden und verkauft das als modern. Die Banken und Sparkassen haben das so geschickt so weit getrieben mit Geldautomaten, Kontoauszugsdruckern, Überweisungsterminals, Online- und Homebanking und Apps, dass sie jetzt reihenweise Filialen schließen mit der Begründung: Die Kunden brauchen uns nicht mehr. Offenbarungseid. Klasse Kasse. Naja – wenigstens veranstalten sie keine Wettkämpfe gegen uns wie die Supermärkte.

Angefangen hat es beim ALDI. Aber das war noch auszuhalten. Dass die Damen und

Selbstbediener auf dem Weg zur Arbeit. Wer Lebensmittel im Supermarkt kauft, endet am Fließband in einem Akkord-Wettkampf mit dem Scanner.

Herren an der Kasse die Preise für alle Waren auswendig wussten und zackzack in die Kasse tippten, war schon sportlich. Die Gedächtnisleistung hat das, was man im Großen als Versand/Logistikbezeichnet, im Kleinen ungemein beschleunigt. Aber es war kein Wettrennen. Wir Kunden hatten eine echte Chance, annähernd gleichzeitig mit Kassiererin oder Kassierer fertig zu werden. Das ist vorbei.

Das Doping der Supermärkte heißt Scanner. Anfangs haben die Dinger ja noch oft gehakt, einen Barcode übersehen oder falsch gelesen. Zum Glück. Das verschaffte den Kunden wertvolle Zeit zum Eintüten. Heute sind die Scanner fast perfekt und lassen uns keine Chance. Die Angestellten schalten das Band schon an, bevor man die erste Dose aus dem Wagen gefischt hat, so dass sich der Einkauf über mehrere Meter verteilt. Und der Scanner piepst schon gehässig, bevor der Einkaufswagen auch nur halb leer ist. Wahrscheinlich schaffen die Kassierer ja im Akkord.

Wagen schwitzend geleert, dann rasch nach vorne gerannt, wo Konservendosen und Waschmittelpackungen über Pfirsiche, Joghurtbecher und Birnen purzeln, was denen nicht gut tut. Aber zum Sortieren in hart und weich und empfindlich bleibt keine Zeit. Unterwegs ein flüchtig genuscheltes „Hallo“ – ein „guter“ Tag würde unter Fließbandkollegen wohl seltsam klingen.

Die auf die Kunden ausgelagerte Abteilung Versand/Logistik ist eng getaktet, und den Takt gibt der Scanner vor. Piep, piep, piep. In den Autofabriken hat man die monotone Fließbandarbeit abgeschafft, im Supermarkt feiert sie fröhliche Urständ. Die Angestellten schaufeln alles von links nach rechts, nur die Schlange der wartenden Kunden im Blick. Wer einpackt, ist eh schon halb raus. Aber nur halb. Noch stapeln sich Nudeln und Mehl und Spülmittel in der Ablage, da wird das Urteil gefällt: Einpack-Versager. Akkordverderber. 58,20 Euro ruft die junge Dame und unterbricht damit autoritär die hektische Weiterverarbeitung der Einkäufe. Der Bezahlvorgang hat Priorität, und das Band läuft, und die nächsten Kunden blicken mal hämisch, mal mitleidig, während Diener Kunde die EC-Karte zückt, um mit abgezähltem Bargeld nicht noch mehr Zeit zu vergeuden.

Dann beschämt den Rest von der Ablage raffen, während der Warenstrom des nächsten Kunden schon anbrandet. Rasch raus, den Arbeitsplatz räumen. Schichtwechsel. Auf die Plätze! Fertig! Los! Piep-piep-piep. Und das nennt man dann Einkaufserlebnis.

Supermarkt vs. Kunde: 1:0

Nur einer hat damit aufgehört, immer mehr Arbeit und verantwortung auf seine Kunden zu verlagern: der Staat. Das ist mir bei der Diskussion über das Betreuungsgeld deutlich geworden, als im Radio ein Moderator jene Eltern, die ihre Kinder nicht in Kitas abgeben, als „Selbsterzieher“ bezeichnete. Was nicht nett gemeint war, sondern eher ewiggestrig – so wie „Selbstversorger“. Also her mit den Kindern in die Kitas, damit Zeit ist fürs Fließband – das in der Fabrik und das im Supermarkt.

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