USA verlieren den Kampf gegen IS – und haben Angst

 Stell Dir vor, es ist Krieg, und andere gehen für Dich hin. Und verlieren.

Die Nerven müssen blank liegen im Pentagon. Anders ist nicht zu erklären, dass der US-Verteidigungsminister Ashton Carter seine Verbündeten im Irak heftig für fehlenden Kampfeswillen im Krieg gegen den „Islamischen Staat“ (IS) kritisiert. Es ist eine höchst unbequeme Situation für die USA: Tatenlos mit ansehen zu müssen, wie eine tödliche Gefahr heraufzieht; nicht nur im Nahen und Mittleren Osten. Und im Nachhinein für die eigenen Fehler einstehen zu müssen.

Jahre lang haben die westlichen Geheimdienste darauf hingewiesen, dass ein Ableger von Al-Kaida im Irak auf dem Vormarsch ist. Ernst genommen wurden sie nicht – zu betörend wirkte die Erleichterung der USA, endlich den Irak verlassen zu haben. Jetzt bloß keine neuen Komplikationen, werden sie gedacht und die Informationen der Dienste ignoriert haben. Allen voran US-Präsident Barack Obama, der den hektischen Abzug als Teil einer neuen, friedlicheren Nahost-Politik verkaufte.

Und der auch nicht genau hinschaute, als in Syrien der Bürgerkrieg losbrach. Während der Iran den rücksichtslosen Machthaber Assad mit Millionen, Kanonen und Soldaten unterstützte, belohnten die treuen Amerika-Freunde aus Saudi-Arabien (und deren Nachbarn, aber auch das Nato-Mitglied Türkei) jeden mit Geld und Waffen, der eine terroristische Truppe gegen Assad in Stellung brachte – darunter den Islamischen Staat.

Der Rückzug der Amerikaner aus dem Irak, die Inthronisierung der Regierung des Schiiten al-Maliki in Bagdad und die anschließenden brutalen Säuberungs- und Unterdrückungsaktionen gegen die Sunniten – unter dem starken Einfluss des Iran. Dazu der Bürgerkrieg in Syrien, die gewaltigen Flüchtlingslager in der Region. Das ist der Boden, auf dem der „Islamische Staat“ rasant gewachsen ist.

Das alles war den westlichen Geheimdiensten bekannt – auch wenn sie die Dynamik der Entwicklung wahrscheinlich unterschätzt haben. Aber erst als gut gerüstete, gut ausgebildete Terror-Armeen vor etwa einem Jahr im Irak einfielen, als sie vor allem in den sunnitischen Landesteilen staatliche Funktionen übernahmen und ihr Führer das grenzenlose Kalifat ausrief, reagierten die Regierenden des Westens. Mit Betroffenheit.

In Anbetracht des Völkermords der sunnitischen Horden an anders denkenden und anders glaubenden Gegnern – live in alle Welt übertragen – mussten die USA widerstrebend ihre Beobachterrolle aufgeben. Aber die Luftschläge haben die IS-Angriffe nur vorübergehend behindert. Die Terroristen haben sich angepasst, ihre Front rückt wieder vor, erobert Stadt um Stadt, Palmyra in Syrien, Ramadi im sunnitischen Teil des Irak. Und sie erobert prall gefüllte Waffen-Depots. Sogar moderne US-Panzer rollen für das Kalifat, während die irakische Armee sich seit Monaten auflöst. Dem Siegeswillen und der Todesverachtung der IS-Terroristen hat der korrupte, in sich zerrissene Irak nichts entgegen zu setzen.

Das sieht das Pentagon jetzt ein. Die öffentliche Kritik an der kaum noch existenten irakischen Armee ist ein Anzeichen von Panik. Denn es gibt keinen Plan B – wie Bodentruppen. Die Folgen der Niederlage sind allesamt schrecklich: Sowohl der Irak als auch Syrien zerfallen – der Blick nach Libyen zeigt, wohin das führt. Die Flüchtlingsströme schwellen an, während der brutale Glaubenskrieg sich auf weitere Nationen ausdehnt: den Libanon, vielleicht Jordanien. Die Lunte am Pulverfass Naher Osten brennt. Und der US-Präsident wird langsam erkennen, dass eine vorläufige Einigung mit dem Iran über dessen Atomprogramm alles ist, nur keine Friedensordnung.

Die Amerikaner sehen aber auch, dass der Terror nicht auf den Nahen und Mittleren Osten zu begrenzen ist. Zum einen findet der IS Verbündete unter den Terrororganisationen anderer Länder – und die übernehmen die Taktik und Brutalität ihres großen Vorbildes. Zum anderen reihen sich Kämpfer aus der ganzen Welt in den IS ein, lernen im Kampf seine Todesverachtung. Viele von ihnen kehren zurück in die USA und nach Europa – die wenigsten geläutert und mit friedlichen Absichten.

Das Kalifat hat ein großes Reich unter seiner Kontrolle. Es stabilisiert sein Klima der Angst und Unterdrückung, etabliert rigorose Mittelalter-Justiz und säubert sein Gebiet durch tausendfachen Mord. Der Nahe und Mittlere Osten, eines der wichtigsten Interessensgebiete der westlichen Welt, an der Schwelle zur Atombombe, steht vor dem Zerfall. Gleichzeitig zielen die Terroristen auf ihre Feinde in aller Welt. Inzwischen versetzen sie auch ihre Ziehväter am Golf und in der Türkei in Angst und Schrecken mit dem Anspruch, alle muslimischen Nationen im Kalifat zu einen.

Der US-Verteidigungsminister hatte das alles vor Augen, als er seiner bitteren Enttäuschung über die irakische Armee Luft machte. Dem Dschihad stellen sich immer weniger Kämpfer entgegen. Und der Westen hat keinen Plan B – wie Bodentruppen. Ob der Minister Brecht gelesen hat?

Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt / Und lässt andere kämpfen für seine Sache / Der muss sich vorsehen; denn / Wer den Kampf nicht geteilt hat / Der wird teilen die Niederlage.

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