Sonnenfinsternis und Strom: Ganz duster sieht es nicht aus

Auch ohne Sonnenfinsternis kommt es in Deutschland schon mal zum weitgehenden Ausfall der Photovoltaik-Anlagen. Karte: Wetterkontor

Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten, sagt der Volksmund. Momentan wird die Weisheit aber umgekehrt: Viel Schatten wirkt erhellend. Und wo gibt es mehr Schatten als bei einer Sonnenfinsternis? Die nächste wirft Licht auf die Probleme der Energiewende. In mal aufgeregter, mal banger Erwartung sehen wir dem Freitag, 20. März, entgegen, wenn sich so ab 9.30 Uhr so langsam der Mond vor die Sonne schiebt und sie nach gut einer Stunde zu etwa 80 Prozent bedeckt. Die Hobby-Astronomen wünschen sich sehnlichst strahlend blauen Himmel. Der Sonnenenergie-Branche wären Wolken lieber. Dann könnte man ziemlich sicher sein, dass aus dem beinahe totalen Lichtausfall kein totaler Stromausfall wird.

Die Natur als Stromlieferant unterliegt natürlichen Schwankungen, das macht die Energiewende so kompliziert. Weil wir auch dann Strom benötigen, wenn kein (oder viel zu viel) Wind weht und keine Sonne scheint, bleiben schmutzige Kohlekraftwerke und Atommeiler wichtig.

Es kommt immer mal wieder vor, dass alle Windräder zusammen nicht mal so viel Strom produzieren wie eine einzige Gasturbine. Zum Glück legt sich der Wind nicht von einer Minute zur anderen – und auch nicht überall zugleich. Das verschafft den Netzbetreibern bis zur Flaute Luft, Strom aus Nachbarländern einzuspeisen. Sie halten Reserven vor (zum Beispiel Pumpspeicher und schnell zu startende Gaskraftwerke), die ruckzuck Last übernehmen können. Damit bleibt die dringend erforderliche Stabilität des Netzes gewahrt.

Wie das bei einer Sonnenfinsternis aussieht, erleben wir erstmals in diesem Jahr am Frühlingsanfang, 20. März. Innerhalb einer Stunde verdunkelt sich die Sonne über Deutschland um mehr als 80 Prozent (Bremen) bis 75 Prozent (Ulm). Die Solarzellen, die bei strahlendem Sonnenschein zu diesem Zeitpunkt gerade ihr Stromangebot hochgefahren haben, erleben plötzlich so was wie eine dicke Wolkendecke. Und zwar in ganz Mitteleuropa. Dann geht ihnen schnell die Puste aus. Nix Strom.

Die Pessimisten erwarten Stromausfälle, weil das Netz vielleicht nicht schnell genug mit Ersatzstrom aufgefüllt und stabilisiert werden kann – bis hin zu flächendeckenden Blackouts. Andere befürchten lediglich erhebliche Schwankungen (brown-out), weil die Stromzufuhr schwächelt. Wenn die Netzbetreiber dann die Lücke endlich in den Griff bekommen haben, kehrt sich die Entwicklung um, und innerhalb einer weiteren Stunde käme die volle Solarlast wieder ins Netz – das darauf ja ebenfalls höchst empfindlich reagiert.

Ich kann den Pessimismus nicht teilen. Zwar sind – anders als bei durchziehenden Wolkenfeldern – diesmal alle Anlagen betroffen (eine Million Photovoltaikanlagen gibt es in Deutschland, meist kleine). Wenn das Wetter auf der Seite der Astronomen und der Himmel wolkenlos ist. Aber den Beginn und den Grad der Absenkung können die Netzbetreiber auf die Minute genau planen – und vorsorgen, indem sie Reserven zukaufen (Rechnung an uns, wie gehabt). Außerdem ist der März noch ein recht schwacher Sonnenmonat – und nicht einmal im Hochsommer gelingt es, viel mehr als 70 Prozent der installierten Leistung auch ins Netz zu bringen. Wind und Sonne könnten theoretisch fast 80 Gigawatt liefern, treffen sich aber selbst an guten Tagen allenfalls auf der Hälfte. Alle erneuerbaren Energien zusammen haben im vergangenen Jahr nur ein Viertel der Bruttostromerzeugung beigetragen – nur minimal mehr als allein die Braunkohle. Außerdem ist es höchst unwahrscheinlich, dass der Frühlingsanfang in ganz Deutschland heiter statt wolkig wird.

Aber auch wenn wir uns keine Sorgen machen müssen: Nachdenken müssen wir schon. Die Sonnenfinsternis wirft Licht auf die Probleme der Energiewende. Sie ist und bleibt sehr anfällig für natürliche Schwankungen. Es fehlen Leitungen, es fehlen Speicher, es fehlen intelligente Verteilsysteme. Es wird noch Jahre nötig (und teuer) sein, zwei fast komplette Versorgungssysteme nebeneinander zu betreiben, weil eines davon hin und wieder weitestgehend ausfällt (die stabilen Energiequellen Wasserkraft und Biomasse tragen gerade mal ein Drittel zur Ökostrom-Erzeugung bei).

Sonnenfinsternisse sind da unsere kleinste Herausforderung, auch wenn die Netzbetreiber als Wichtigtuer in eigener Sache von „Stresstest“ sprechen, – weil  sie, wie die partielle Finsternis am 20. März, perfekt planbar sind und Wolken ihre Wirkung dämpfen. Und weil sie halt nicht so oft vorkommen wie Flauten an frostigen Wolkentagen: Die nächste totale Sonnenfinsternis erlebt Deutschland erst in gut 66 Jahren, im September 2081. Bis dahin wird die Energiewende wohl gepackt sein.

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