CeBit: Wenn der Kühlschrank auf Datenklau geht

Gut verschlüsselt? Was am Maschsee in Hannover noch Herzensangelegenheit ist, wird auf der CeBit zum Geschäft. Wer herrscht im Internet der Dinge über unsere Daten? Wer hat den Schlüssel zu unserm Avatar?

Die Zukunftsmesse CeBit präsentiert auch alte Bekannte; Ladenhüter aus  vergangenen Jahren. Wie den Kühlschrank mit Internetanschluss. Das „Internet der Dinge“ gilt wieder als das große Thema der Schau. Unermüdlich wird versucht, den Konsumenten die schier unglaublichen Vorzüge einer dauervernetzten Umgebung schmackhaft zu machen: Sicherheit, Gesundheit, Fitness, Erfolg, mehr Geld, weniger Stress – egal was auf irgendeiner Liste der „zehn Dinge, die den Deutschen besonders wichtig sind“ auftaucht: Das Internet der Dinge kann es angeblich verwirklichen. So richtig überzeugend ist das aber irgendwie noch nicht. Fitnesstracker liegen unbeweglich in den Regalen, zwei Drittel der Deutschen machen um Apps einen Bogen, vom Sinn fernsteuerbarer Thermostate und Lichtschalter lassen sich nur Minderheiten überzeugen, und der Internetkühlschrank verteidigt beharrlich seine Position auf der Liste der Dinge, die die Welt nicht braucht. Warum die Hersteller trotzdem an vernetzten Gabeln und intelligenten Zahnbürsten festhalten? Weil sie auf ganz anderes zielen als sinnvolle Anwendungen: Sie wollen Daten. Und da ist ihnen jedes Mittel recht; bald werden sie uns kaufen.

Die Wirtschaft ist datengierig, datensüchtig. Nicht mehr das Gespür für den Markt und für die Kunden, nicht mehr charismatische, kreative Chefs gelten als Garanten für den Erfolg, sondern Daten. Alle Daten. Schon heute genügt es den Internetfirmen nicht mehr zu wissen, welche Seiten wir anschauen, welche Produkte uns interessiert und welche wir gekauft haben. Alles Schnee von gestern. Heute geht es um Bewegungsprofile (gemeldet vom Smartphone), Themen unserer Kommunikation mit „Freunden“ (gefiltert von Google und Facebook) und – natürlich – Fitness- und Gesundheitsdaten.

Telefon, Tracker und App sagen ja nicht nur ihrem Besitzer, wie es um die Gesundheit, um Appetit und Schlaf bestellt ist, sondern auch – zum Beispiel – der Krankenkasse, die Wohlverhalten mit einem Bonus belohnt – und Faule am Ende bestrafen wird. Wetten?

Das ist heute. Und morgen? Morgen gibt es in der Internetwolke den Avatar von uns, der uns mit jeder Datenübertragung des Smartphones, mit jeder gescannten WhatsApp-Nachricht oder Mail, mit jedem Besuch des Internethändlers, mit jedem „Like“ ein bisschen ähnlicher wird. Der digitale Doppelgänger sagt den Algorithmen, welche Bedürfnisse wir entwickeln – bevor wir selbst sie verspüren.

Schon schicken Online-Anbieter eine Auswahl ihrer Waren auf Verdacht zur Ansicht los – angeblich bereits mit guten Verkaufsergebnissen. Das exakt richtige Produkt zur exakt richtigen Zeit zum (für den Handel) exakt richtigen Preis – ist das nicht ein Traum? Gewiss: ein Albtraum. Ein Leben ohne die Freiheit, sich selbst zu überraschen oder Neues zu probieren. Ein Leben, für den Kauf optimiert.

Dafür braucht die Welt den Internet-Kühlschrank und die analytische Zahnbürste und den Rauchmelder, der als Menschenmelder Bescheid gibt, wer sich im Zimmer befindet. Das „Internet der Dinge“ ist in Wirklichkeit der Versuch, die Menschen ins Netz zu integrieren, die Grenzen zwischen analoger Welt und Cloud zu verwischen, den Kunden auf Kaufprognose, Kreditkartennummer und Bestellvorgang zu reduzieren.

Noch wollen uns die Hersteller einen persönlichen Nutzen einreden für alle die irren Techno-Spielereien, die in Wirklichkeit Datensammler sind. Das nächste Geschäftsmodell wird schlichter sein: Man wird uns den Kram schenken, wenn wir ihn nur benutzen und unsere Daten verraten. Undenkbar? Neulich habe ich gelesen, dass Autohersteller den Wert der von ihren Fahrzeugen generierten Daten auf 500 bis 700 Euro beziffern: pro Fahrzeug und Jahr.

Die nächsten Geschäftsmodelle für Smart Products: Leasingrate mit Überlassung der Daten: 99 Euro. Ansonsten: 149 Euro. Wir zahlen mit Daten. Wahrscheinlich wird der Internetkühlschrank bald deutlich billiger zu haben sein als sein dummer, alter Vorgänger, in den man noch hinein schauen muss, um den Einkaufszettel zu schreiben. Der aber verschwiegen ist.

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