AOK fordert Politik gegen Süßes – Her mit der Zuckersteuer

Nein! Nicht schon wieder die Griechen. Diese nicht enden wollende Tragikomödie, dieses „halb zog man sie, halb sanken sie hin“. Halbseidene Reformlisten, Rettungsschirme, neue Probleme, neue Listen, neue Schirme. Euro retten, Europa retten. Ein politisches Perpetuum Mobile. Dieses Theater, seine Akteure, die Szenen und Wendungen bleiben an uns kleben wie kleptomane Kletten. Heute kommt deshalb hier was anderes auf den Tisch. Passt aber auch gut. Denn kurz bevor Merkel und Tsipras beim Abendessen über Peitsche und Zuckerbrot stritten, setzte die AOK das Thema Zucker auf die politische Speisekarte. Keine süßen Worte, keine Liebesperlen, sondern saure Forderungen: Damit die Deutschen sich nicht weiter dick und krank essen, soll Zucker auf Augenhöhe mit Nikotin und Alkohol an den Pranger. Die Politik zuckt müde mit den Achseln; hier hat die Lebensmittel-Lobby ganze Betäubungsarbeit geleistet. Da braucht die Krankenkasse gewichtige Kanonen: Zucker treibt den Blutdruck, löst Diabetes aus und ist mit verantwortlich für all die miesen Beschwerden, die durch Fettleibigkeit ausgelöst werden. Ernährungsbedingte Krankheiten kosten die Deutschen pro Jahr mehr als 70 Milliarden Euro. Also: Wann kommt endlich die Zuckersteuer?

Seit dem Ringen um die Lebensmittel-Ampel, die von der Lobby flugs als Alarmsystem für Trottel diskreditiert wurde, halten es die Politiker in Sachen Essen mit dem freien Willen der Bürger. Sie wollen uns zwar den Spind fürs Homeoffice vorschreiben. Aber die Frage, wie viel Zucker oder Maltodextrose, Fruchtextrakt, Maissirup, Glukose-Fruktose-Sirup, Traubenzucker, Invertzucker, Malz, Zuckersirup, Honig, Kristall-, Puder- und Flüssigzucker in unser Essen gekippt wird, die interessiert regierungsamtlich niemanden.

Wir sind ja wirklich nicht blöde und könnten sicher selbst entscheiden, wieviel von dem billigen Zeug wir uns auftischen lassen. Wenn es eine ehrliche Sache wäre. Ist es aber nicht. Mit freiem Willen und Absicht hat das nichts zu tun, dass  die Deutschen im Schnitt Tag für Tag 20 Teelöffel Zucker vertilgendreieinhalb Putzeimer voll pro Jahr. Was sie daheim ins Essen streuen, sind vielleicht 20 Gramm am Tag, ein Fünftel der Ration. Also etwa so viel, die die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt.

Die übrigen 80 Prozent, der schädliche Rest stammt aus hoch verarbeiteten Lebensmitteln. In einem Esslöffel Ketchup steckt ein Teelöffel Zucker. In einer Dose Limo sind bis zu 40 Gramm Zucker aufgelöst (13 Stück Würfelzucker), und viele Cornflakes zum Frühstück bestehen zu einem Drittel aus Zucker. Modifizierte Stärke, eine häufige Zutat in der Fertigpizza, verwandelt sich beim Backen in Maltose – einen neuen Zucker. Der Zuckergehalt kann so auf das Doppelte dessen steigen, was auf der Packung steht. Wir schieben Tiefkühlpizza in den Backofen und heraus kommt eine Süßigkeit.

Wer diese Zusammenhänge nicht durchschaut, wer die vier, fünf Zuckertypen auf der Zutatenliste seiner Chicken Nuggets nicht als Zucker erkennt, dem hilft der freie Wille zur Entscheidung nicht. Überhaupt: freier Wille. So frei ist der Wille in Sachen Zucker nicht. Unser Gehirn ist süchtig nach dieser hoch konzentrierten Energie. Schon der Anblick verzuckerten Essens macht Appetit. Dumm nur: Wer Süßes isst, bekommt Hunger. Deshalb hilft es auch nix, Diät-Drinks zu schlürfen, die mit Zuckeraustauschstoff gesüßt sind. Der Kohldampf kommt.

Während die Lebensmittelindustrie mit gewaltigem Aufwand exakt die richtige Dosis Zucker erforscht, die richtige Mischung mit Fett und Salz für den drogenähnlichen Glücksmoment, beschwören die von der Essenslobby abgefüllten Politiker die Entscheidungsfreiheit in Sachen Essen. Mit üblen Folgen, warnt die Krankenkasse: Fast jedes fünfte Kind in Deutschland ist übergewichtig, ein Drittel davon krankhaft fettsüchtig. Kein Wunder bei 200 Litern Limo im Jahr, die 17-Jährige in sich hinein schütten. 25 Prozent der Erwachsenen sind adipös; jeder Zweite ist übergewichtig. Zu viel Zucker macht krank. Aber wir sind nicht in der Lage, die Zuckermenge richtig zu dosieren. Weil wir der Zucker versteckt wird, und weil unser Gehirn bei Zucker den Verstand verliert.

Die Lebensmittelkonzerne wissen, was auf sie zukommt. Außerhalb von Deutschland hat die staatliche Regulierung schon begonnen. Aber die Konzerne sind gewappnet; sie profitieren von ihrer Erfahrung aus dem Abwehrkampf der Tabakindustrie – immerhin sind einige Essengiganten schon vor 30 Jahren von Zigarettenmultis geschluckt worden.

Auch wenn die Bundesregierung noch abwinkt: Die AOK hat Recht. Der steigende Zuckerkonsum muss auch durch Gesetze bekämpft werden: Werbung für zuckerreiche Lebensmittel drastisch einschränken, vor allem zwischen Kindersendungen im Fernsehen. Deutliche Warnungen auf die Packungen verordnen, wenn hinter Obstbildchen versteckt eine Zuckerbombe lauert. Die Hersteller von stark verarbeiteten Lebensmitteln als Sponsoren von Schulunterlagen ablehnen, den Verkauf ihrer Produkte in Schulkiosken verbieten. Und eine Zuckersteuer einführen.

Frankreich nimmt mit seiner Zuckersteuer schon 280 Millionen Euro im Jahr ein – in Deutschland wäre der Betrag vermutlich weitaus höher. Um am Ende doch beim Dauerbrenner zu landen: Den Erlös könnten wir ja als finanzielles Zuckerbrot nach Athen überweisen. Das wäre doch mal eine gescheite Lösung: Deutschlands Esser wären gesünder, und die Griechen hätten was zum Zubuttern – so was nennt man eine Win-Win-Situation.

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