Spionage 4.0 hat die Wirtschaft 4.0 längst überholt

Science Fiction oder Alltag? Digitalisierung und Robotics sind die Großthemen der Wirtschaft. Sie locken auch die Geheimdienste. Und die sind schneller.

„Wirtschaft digital: Grenzenlos. Chancenreich.“ überschreibt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag in Berlin eines seiner Themen des Tages. Die Unternehmens-Verbände werben intensiv für den Aufbruch in die Zukunft 4.0, weil außer einigen Konzernen in der deutschen Wirtschaft noch kaum einer verstanden hat, welcher tiefe Strukturwandel auf uns zukommt. Nachholbedarf haben vor allem Industrie und Mittelstand. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel orakelt, dass Deutschland seine Rolle als Innovationstreiber nicht dauerhaft gepachtet hat, sondern sie sich verdienen muss. Wie bedeutsam die Digitalisierung der Wirtschaft ist und welche Möglichkeiten sie bietet, das ist in den vergangenen Tagen von ganz anderer Seite wirksam belegt worden: von den Geheimdiensten der USA und Großbritanniens.

Die (recht verhaltene) öffentliche und die (kaum wahrnehmbare) offizielle Reaktion auf die neuen Erkenntnisse aus der Analyse der von Edward Snowden entwendeten Dokumente lassen keinen Zweifel mehr: NSA und der britische GCHQ können quasi ungehindert Mobiltelefone abhören, ihre Benutzung manipulieren, die Smartphones als Wanzen missbrauchen und ihren Benutzern kriminelle Taten unterschieben. Sie haben sich die Schlüssel besorgt zu den SIM-Karten, mit denen die Netzbetreiber verhindern wollen, dass sie betrogen werden. Jetzt werden ihre Kunden belauscht.

Mehr als eine Milliarde Smartphones sind im vergangenen Jahr weltweit verkauft worden, das Internet ist längst mobil geworden. Wer wirklich wichtige Gespräche belauschen will, schleicht sich in die Funknetze ein, nicht in die altertümlichen Festnetze. Und damit nicht genug. Während die meisten Unternehmen das mobile Internet noch nicht begriffen und in ihre Strategie eingebaut haben, wächst um sie herum bereits das Internet der Dinge. Und es beschert den Geheimdiensten herrliche weitere Spionage-Möglichkeiten. Der um seine Schlüssel betrogene SIM-Karten-Hersteller liefert auch Chips für meinen Kreditkartenanbieter und für deutsche Autohersteller.

Der Schaden, den die Geheimdienste anrichten, geht über die Demontage der Demokratie und der Persönlichkeitsrechte hinaus. Und ich habe keine Hoffnung mehr, dass sie auf politischem Weg zu bremsen sind. Die Angestellten der Kartenhersteller hatten nichts verbrochen und am Telefon nicht versehentlich terrorverdächtige Worte wie „Anschlag“ und „Bombe“ oder „Mohammed“ gesagt – sie waren nur bei einem interessanten Unternehmen beschäftigt. Das genügte, um Hunderte von Ihnen bis ins Intimste auszuspionieren, um über sie irgendwie den Zugang zum Firmennetz zu erschwindeln. Von wegen, „Unschuldige“ sind vor den Schlapphüten sicher. Sind wir nicht. Und wir sind nicht allein.

Wir dürfen annehmen, dass sich die Schnüffelei nicht nur auf Terrorverdächtige und die offenkundig mit ihnen verbündeten Belegschaften von Kartenherstellern und Netzbetreibern konzentriert. Garantiert horchen die Amerikaner und Briten bei all ihren Verbündeten in die politischen Kreise, in die Spitzenverbände und die  Konzernführungen hinein. In ihrem sicher hin und wieder sogar krankhaften Datensammelwahn raffen sie alles zusammen, was besprochen und verhandelt und erfunden und strategisch entschieden wird. Und manches Geheimnis deutscher Unternehmen wird seinen Weg in amerikanische Konzerne finden. Garantiert. Beim Geld hört die Freundschaft auf. Wahrscheinlich kungeln die Hersteller deshalb mit den Spionen – der Skandal der Festplattenhersteller vor wenigen Tagen spricht aus meiner Sicht jedenfalls dafür. Wenn die NSA alle Smartphones und alle PCs und Laptops in der Hand hat und die USA die IT-Branche und das Internet dominiert …

Es ist ein trauriger Fakt, dass Unternehmen sich mindestens ebenso stark gegen den staatlichen Missbrauch der Zukunft 4.0 wappnen wie sich mit ihren Möglichkeiten beschäftigen müssen. Wobei der Missbrauch ihnen voraus ist. Für die Geheimndienste ist das Internet kein „Neuland“, sondern vertraut. Längst: „Wirtschaft digital: Grenzenlos. Chancenreich.“ Aber die Erkenntnisse halten sie vor ihren Aufsehern in Regierung und Parlament geheim. Deshalb: Geheim-Dienste.

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