Zwei skurrile Männer zwingen Europa zu neuen Ideen

Politik ist geprägt von Ritualen, von Runden Tischen, rund geschliffenen Erklärungen fürs Fernsehen, eingefrorenem Lächeln, Rücksicht auf Umfragen und Börsenkurse und von Ergebnissen, die möglichst nur Gewinner kennen … sollen. Neue Gesichter sind rar, neue Ideen noch seltener. Zwei Männer haben dieses Weichspülprogramm in Europa gestört und die Rituale unterbrochen: Wladimir Putin und Alexis Tsipras. Der Russe, über dessen Psyche sich trefflich spekulieren ließe, führt einen nicht erklärten Krieg, weil das sein letztes Drohpotenzial ist, weil seine Kasse leer ist und seine Kleptokratie wirkliche Reformen nicht vorsieht. Der Grieche, der als Neuling die große Bühne betritt, will seine Wahlversprechen nicht so routiniert schnell verraten wie seine Vorgänger. Beide werden ihre Ziele nicht erreichen. Aber ich hoffe, dass in den Verhandlungen in Minsk und Brüssel all die angepassten Etablierten ihre Lektion gelernt haben: Aufbruch. Die um Parteien, Wählerstimmung und Wirtschaftsinteressen kreisende Politik muss für Europa mutig neue Wege gehen.

Man braucht weder ein Putin-Versteher zu sein noch eine pathologische Erklärung für dessen Auftritte zu haben, um nachzuvollziehen, was in der Ukraine passiert. Da will ein machtbesessener Diktator verhindern, dass der Feind (die EU als Vorposten der USA) sich direkt am Gartenzaun breit macht, iPhone- und Mercedes-Werbung aufstellt. Wirtschaftlich hat Russland seinem Riesenvolk nichts zu bieten, also wird die Auseinandersetzung militärisch gefärbt. Putin gewinnt den Zwist mit dem Westen auf dem Schlachtfeld in der Ost-Ukraine. Die Russen scharen sich noch eine Weile hinter ihrem – sagen wir mal: charismatischen – Befehlshaber, auch wenn sie darunter leiden müssen. Sie haben eh keine Wahl. Und die Elite der Kleptokraten trifft der Krieg eh nicht. Dass die Amerikaner reflexhaft zu den von ihnen gelieferten Waffen greifen lassen wollen, schreckt Putin viel weniger als den Rest Europas. Es wird Zeit für eine europäische Vision, die Russland ernsthaft einbindet. Lasst bloß nicht diejenigen die Oberhand gewinnen, die Sicherheitsinteressen nur auf der eigenen Seite akzeptieren und sie in Panzern und Flugzeugen messen.

Auch die Griechen sind leicht zu verstehen – obwohl ihr Auftreten häufig schwer nachvollziehbar ist. Hier kommen quasi ungelernte Kräfte, die vom Alltag der Politik noch nicht verdorben sind. Die noch an Ideale glauben wie einen starken Staat, der alle Probleme löst. Wir könnten diese „Regierung“ genannte Truppe einfach abblitzen lassen – und wären im Recht. Aber dann dürften wir nicht gleichzeitig das Ende Europas an die Wand malen aus Sorge um den Anschein von europäischer Einheit – und weil auf einmal Putin um die Ecke kommen könnte, um den Drachmenretter zu geben und die Spitze des Balkans in seinem Sinn zu stabilisieren. Also sind auch gegenüber Athen neue Ideen (und damit ist nicht: Schuldenschnitt gemeint!) und die Abkehr von sklerotischen Haltungen gefordert. Aber bitte lasst es wenigstens dieses Mal nicht so aussehen wie der Biss in einen sauren Apfel, wie ein alternativloser Kompromiss, sondern wie das gewünschte Ziel einer Verhandlung über die Zukunft des Euro-Landes. Und nicht nur die ökonomische Zukunft. Und nicht nur unter dem Druck der Finanzmärkte.

Vielleicht geben die beiden skurrilen Männer in Moskau und Athen ungewollt den entscheidenden Impuls, noch einmal grundsätzlich über die Zukunft Europas und seine Rolle in der Welt nachzudenken. Dann würde von ihnen ja vielleicht mehr in Erinnerung bleiben als Putinbrust und Krawattentöter.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Ökonologie abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.