Gold, Weihrauch und Myrrhe? Besser: billiges Erdöl!

Das kann doch nur eine Panne in der Anzeigetafel sein. Denn momentan sind die Spritpreise auf Tiefflug.

Das schönste Weihnachtsgeschenk liegt nicht unterm Christbaum, sondern gluckert im Tank: Etwa drei Milliarden Euro sparen die Deutschen zurzeit pro Monat an Sprit- und Heizkosten, weil der Ölpreis so niedrig ist. Das wirkt wie ein Konjunkturprogramm. Schon schöpfen die soeben noch skeptischen Unternehmer neue Zuversicht, und die Wirtschaftsweisen drehen ihre Stimmung ins Plus. So schnell verändern sich manchmal die Rahmenbedingungen der globalen Ökonomie, und wir sollten nicht mit düsteren Visionen darauf reagieren, sondern weihnachtlich: freuet euch!

Der aktuelle Ifo-Index fasst zusammen, was die deutschen Firmen in diesen Adventstagen besonders beglückt: Niedriger Ölpreis und billiger Euro. Die Betriebe können dank günstiger Energie preiswerter produzieren und auf dem Weltmarkt außerdem bessere Preise machen, weil der Dollar immer mehr wert ist. Und  die Kunden im eigenen Land behalten mehr Geld für Einkäufe übrig, sogar nachdem sie vollgetankt haben.

Selbst die Pessimisten unter den Ökonomen rechnen damit, dass diese Situation eine Weile anhält. Wenn im Frühjahr die Nachfrage nach Öl weiter nachlässt, könnte der Preis sogar noch ein gutes Stück sinken.

Die OPEC, dieses mächtige Kartell Öl exportierender Nationen, hat momentan viel von seiner Macht eingebüßt. Angesichts der enormen Fördermengen der USA und der unverdrossen ihr Öl verramschenden Länder, die auf diese Einnahmen für die Staatskasse dringend angewiesen sind, halten auch die Saudis lieber im Preiskrieg mit, statt ihre Hähne abzudrehen und Marktanteile aufzugeben.

Der Ölmarkt ist dadurch von einem Quasi-Monopol zum Wettbewerbsmarkt geworden, in dem es darum geht, um fast jeden Preis Marktanteile zu behalten und zu gewinnen. Dank Rabatten werden bereits Preise von kaum mehr als 50 US-Dollar pro Fass aufgerufen – das ist weniger als die Hälfte des Preises vor sechs Monaten.

Damit bringt Erdöl schon weniger an Erlös ein als seine Förderung an manchen Standorten kostet. Aber wer Milliarden in eine Tiefseebohrung investiert oder Frackinganlagen und Förderlizenzen gekauft hat, wird zähneknirschend den niedrigen Preis akzeptieren – besser als nichts. Das denken auch die Oberhäupter jener Länder, die auf diese Einnahmen angewiesen sind, um ihre Staatshaushalte, Sozialprogramme und Militärausgaben zu finanzieren. Allen voran marschiert da Russland, das dank üppiger Rücklagen noch einige Jahre Tiefpreise aushalten kann, während sich Länder wie Nigeria oder Venezuela dem Bankrott entgegen fördern. Aber für Putin ist der Ölpreis bedrohlicher als alle Sanktionen zusammen.

Selbst Pessimisten werden in der nahen Zukunft kaum Gründe finden, warum sich die Situation grundlegend ändern und der Ölpreis nennenswert steigen sollte. Dabei ist die erneute Aufwärtsentwicklung so  sicher wie das „Allahu akbar“ in der Moschee. Aber sie liegt noch einige Jahre in der Zukunft: Der niedrige Ölpreis verhindert nämlich, dass neue Ölvorkommen an ungünstigen Standorten erschlossen werden – und es gibt fast nur noch ungünstige Standorte. Das dürfte sich so in einem Jahrzehnt bemerkbar machen, wenn immer mehr Quellen langsam versiegen und kaum neue in Betrieb gehen. Bis dahin könnten auch die ergiebigsten Fracking-Schierferöl-Vorkommen in den USA weitgehend ausgebeutet sein. Dann geht es wieder kräftig nach oben mit dem Ölpreis. Aber das dauert noch eine Weile. Zum Glück.

P.S.: Mir ist bewusst, dass das billige Erdöl allen Bestrebungen, aus der Verbrennung fossiler Energieträger endlich auszusteigen, diametral entgegen läuft. Und dass das schade ist. Und klimaschädlich. Mir ist auch klar, dass die deutschen Anlagenbauer weniger exportieren, wenn die Erschließung neuer Ölfelder ausbleibt. Und dass auch weniger Luxusgüter und Oberklasse-Limousinen verkauft werden, wenn  Ölnationen in den Bankrott rutschen. Aber im Advent-Moment möchte ich mal nur den konjunkturellen Segen sehen, auch wenn er in Deutschland nur 36 Milliarden Euro im Jahr ausmacht. Denn die Bundesregierung ist so verliebt in ihre schwarze Null, dass sie nicht mal das aufbringt. Also: freuet euch! Wenigstens ein bisschen.

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