Apple: Die Uhr zielt auf Kassen und Körper

Der Apple fällt nicht weit vom Kundenstamm - das ist die Stärke der Firma: Sie konzentriert sich ohne wenn und aber auf ihre Gemeinschaft. Und die folgt mit fast religiöser Inbrunst.

Auch eine Woche, nachdem die Hohen Priester von Apple ihrer Gemeinde die neuen Anbetungsgegenstände präsentiert haben, diskutiert die halbe Welt noch am Kern der Offenbarung vorbei. Als sei es wichtig, dass die neue Uhr nur in Verbindung mit einem iPhone richtig funktioniert. Oder wie lange der Akku hält. Welche Auflösung und welches Design das Display hat. Erst unter der Oberfläche der Flut technischer Daten wird der Kurs von Apple deutlich: Die Kunden auch in der analogen Welt durchsichtig machen, die Banken ausbooten und ein dickes Stück vom Milliarden-Umsatz der Gesundheitsbranche an Land ziehen.

Die Geldmarkt-Analysten binden sich an Stückzahlen – mehr, billiger, noch mehr. Apple nicht. Apple ist ein Anbieter von Luxusgütern, der sich einen exklusiven Kundenstamm erobert und aus seinen Gläubigen Süchtige gemacht hat. Es ist diese fast religiöse Verbindung, die der Firma eine Durchschlagskraft verleiht, die Welten verändern kann.

Kein Wunder, dass Apple seine neuen Gaben nicht mehr mit dem simplen Präfix „i“ versieht, sondern mit seinem guten Namen: Apple Watch, Apple Pay, Apple Health. Apple geht jetzt konsequent über das Digitale hinaus, verfolgt Bewegungen im analogen Alltag, sammelt Daten mit einer Gier wie Google und geschickter als Facebook. Seine Kunden, die Wohlhabenden, Modebewussten, Trendsetter – und alle, die sich dafür halten lassen wollen -, stört das nicht.

Apple hat nicht nur ihre Einstellung geändert, sondern auch ihr Leben. Wär kauft noch eine Musik-CD? Wer nimmt in Bus und Bahn noch ein Buch zur Hand? Wer plagt noch sein eigenes Hirn, wenn eine Frage quält? Die nächste Offensive von Apple hat erneut das Zeug, unser Leben auf den Kopf zu stellen: Apple Pay.

Gemeinsam mit seinen folgsamen Jüngern wird Apple sein Handy-Geld in die Läden zwingen. Bezahlen per Fingerabdruck. Wie schick, wie schnell. Noch lässt Apple die Kreditkartenfirmen mitmischen – und über sie die Banken –, weil deren Infrastruktur (und Reichweite und Seriosität) den raschen Erfolg erleichtert. Aber die Internetriesen werden alsbald alleine marschieren, das ist ihre Stärke: mit jeder Faser auf die Kunden und die Marge konzentriert, nur nach vorne blickend – das lässt sich von Kreditkartenfirmen, Banken und Sparkassen nicht gerade uneingeschränkt behaupten. Nach Musik, Filmen, Büchern, Versandwaren und Nachrichten sind Bargeld und attraktive Geldanlagen das nächste Segment, das aus der realen Welt entschwindet. Nicht schnell, nicht von heute auf morgen, aber ganz gewiss.

Und es wird nicht mehr lange dauern, bis dem Bezahlen der iBeacon folgt: Apple wird den Einzelhändlern schon klar machen, dass sie ihre Kunden auf Schritt und Tritt überwachen müssen – wie Amazon auf Blick und Klick. Irgendein Algorithmus wird dann den Job übernehmen, den bis vor wenigen Jahren noch gute Verkäufer ausgeübt haben: Kunden wiedererkennen, mit Namen anreden, um ihre Vorlieben wissen, ihre privaten Verhältnisse parat haben und die passenden Waren mit den richtigen Worten anbieten. Auf das Data Mining folgt das Reality Mining, die Auswertung der Wirklichkeit und der Versuch, die Zukunft zu prognostizieren: den nächsten Kleinkredit, die nächste Geldanlage, den nächsten Einkauf – oder den nächsten Schlaganfall.

Es ist ein netter Gedanke, jemandem, den man liebt, via Apple Watch den eigenen Herzschlag zu schicken. Aber ob ich meiner Krankenkasse sagen will, wie mein Schlaf war, und wie viele Schritte ich gegangen, gelaufen, gerannt bin, was ich gegessen habe und wann meine Körpertemperatur angestiegen ist, das wage ich zu bezweifeln. Aber genau das treibt die Entwicklung der Apple Watch an. Natürlich startet Apple nicht direkt mit dem vollen Programm. Sonst müsste die Uhr als medizinisches Gerät überprüft, zugelassen und in den Markt gebracht werden – am Ende in Sanitätshäusern. Unsexy wie ein Blutdruckmessgerät oder Langzeit-EKG. Das soll nicht passieren. Also wird die Watch als Uhr verkauft mit Wellnessfunktionen – und mit jedem Update, jedem Relaunch kommen neue Sensoren hinzu. Die Apple Watch erschließt ihren Erfindern die nächste Welt: unseren Körper. Können wir da noch nein sagen?

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