Warum Banker plötzlich höhere Löhne für alle fordern

Es ist eine ungewöhnliche Diskussion, die durchs Sommerloch wabert. Sie dreht sich um die Frage: Dürfen, ja: müssen die Löhne endlich wieder spürbar kräftig steigen? In der Neinfraktion sitzen die üblichen Verdächtigen: Repräsentanten der Unternehmerverbände. Aber diejenigen, die den Gewerkschaften einen großen Schluck aus der Pulle empfehlen, sind Exoten auf dieser Seite des Verteilungskampfes: Bundes- und Euro-Banker und die Bundesregierung. Akteure also, die seit Jahren Lohnzurückhaltung propagieren. Was ist wohl in sie gefahren, dass sie tarifpolitisch vom Saulus zum Paulus mutiert sind? Eigennutz.

Die Argumente stechen trotzdem. Dass Deutschland gut durch die Krise gekommen ist und sein Exportmotor nach wie vor Leistung bringt, ist der Vernunft der Beschäftigten zu verdanken. Ihr weitgehender Verzicht auf Lohnerhöhungen hat wesentlich dazu beigetragen, dass Waren und Dienstleistungen „made in Germany“ nicht nur gut, sondern auch preiswert sind. Jetzt scheint das Schlimmste überstanden, die Firmen fahren Gewinne ein, und die Angestellten sollen ein Stück vom Kuchen abhaben. Am besten auch ein Stück von den Kuchen der vergangenen Jahre. So die Logik.

Aber Bundesbank und Europäische Zentralbank sind nicht unter die Arbeitnehmervertreter gegangen. Sie folgen ihrem Auftrag, die Inflation im Zaum zu halten. Das gilt auch für Ausreißer nach unten. Vor denen fürchten sich die Währungshüter offenbar noch mehr als vor einem Anstieg über den Zielwert von um die zwei Prozent hinaus. Deflation heißt das Menetekel: Preise sinken, die Käufer warten weitere Preissenkungen ab, die Unternehmen investieren nicht und entlassen Leute – eine Abwärtsspirale kommt in Gang. So die grausame Theorie, die jedoch nicht von allen Wirtschaftswissenschaftlern geteilt wird. Zumindest den Teil, dass sinkende Preise die Käufer abschrecken, kann jeder anzweifeln, der sich das Weihnachtsgeschäft mit Tablets, PCs und Fernsehern betrachtet: Jeder weiß, dass alles im Januar billiger wird. Und kauft trotzdem.

Die Angst vor der Deflation treibt die Währungshüter trotzdem um. Leider haben sie selbst keine Gegenmittel mehr in der Hand. Die probaten Werkzeuge, Inflation anzutreiben, sind sinkende Zinsen und offene Geldhähne. Dummerweise ist der Zinsspielraum nach unten bereits ausgereizt. Und den Markt mit noch mehr Geld zu fluten, ist ebenfalls kaum angesagt, weil heute schon jede Menge Geld im Umlauf ist und bereits erste Zocker-Blasen wirft.

Auch die Bundesregierung ist nicht frei von Eigennutz, wenn sie zu deutlichen Lohnsteigerungen rät. Wenn mehr Geld die Nachfrage im Lande anheizt, werden die Vorwürfe leiser, Deutschland bereichere sich auf Kosten der Franzosen und Italiener, die weniger lohnzurückhaltend waren. Außerdem sprudeln dann die Steuern, mit denen sich Wahlgeschenke wie die Rentenreform (und die angekündigte Anpassung der Ostrenten) finanzieren lassen. Dem Finanzminister würden einige Prozent Inflation besonders gut gefallen. Denn Inflation frisst nicht nur Sparguthaben, sondern auch Schulden. Mancher Wirtschaftswissenschaftler sagt, dass Staaten keine Chance haben, ohne hohe Inflation von ihren Schuldenbergen wieder herunter zu kommen.

Leider dürften die Forderungen wirkungslos bleiben wie so manches Sommerlochthema. Zum einen sind schon die zurückliegenden Abschlüsse deutlich höher ausgefallen als in den Vorjahren – auch ohne gutes Zureden. Zum anderen stehen im laufenden Jahr kaum noch weit reichende Tarifverhandlungen an. Und die werden unter dem Druck neuer internationaler Krisen sowieso bescheidener verlaufen. Außerdem arbeiten nur wenig mehr als die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland nach Tarifvertrag – die haben schon in den vergangenen zehn Jahren real einige Prozent gut gemacht. Vor allem, wenn sie in Branchen unterwegs sind, die den Fachkräftemangel bereits spüren. Die anderen werden nicht nach Tarif bezahlt und haben nichts von Gehaltserhöhungen – allenfalls spüren sie den Mindestlohn. Wenn sie nach dessen Einführung noch den Job behalten.

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