Ukraine und Nahost: Europas alte Schuld an den Kriegen

Wer die Nachrichten verfolgt, sieht dunkle Wolken - und nicht nur im Wetterbericht. In der Ukraine, im Nahen und Mittleren Osten toben unerklärte und kaum erklärbare Kriege. Sie haben ihre Wurzeln in alten Friedensverträgen.

Niemand kann unbeteiligt bleiben, so schrecklich sind die Nachrichten aus den unerwarteten Brandherden der Weltpolitik, den Kriegen im Nahen und Mittleren Osten und in der Ukraine. Der Tod und das Hundertfache Leid Unschuldiger, live in alle Welt übertragen, lassen Neutralität nicht zu. Die zivilisierte Welt will Rache nehmen. Aber an wem? Das ist nicht leicht zu ermitteln in diesen unerklärten und kaum erklärbaren Kriegen. Wer trägt die Schuld am Abschuss von MH17, diesem Fanal der Barbarei? Putin? Die Lieferanten der Raketen oder diejenigen, die sie abgeschossen haben, wahrscheinlich weil sie über sich ein Feindflugzeug vermuteten? Und wer trägt die Schuld am Tod ganzer Familien im Gaza-Streifen? An wem sollen sich deren Angehörige rächen? Hass erzeugt Hass. In wenigen Gegenden dieser Welt gilt das mehr als da, wo es momentan brennt. Die Saat dieses Hasses ist alt. Sie wurde auch gelegt von einigen jener Staaten, die heute über die Schuldfrage diskutieren und – ganz wie damals – ihre eigenen (Wirtschafts-)Interessen verteidigen.

Die Kriege und Bürgerkriege im Nahen und Mittleren Osten haben ihre Wurzeln in den Tagen, als der Erste Weltkrieg in Europa zu Ende ging. Dieser erste totale Krieg ist auch durch Kämpfe in Nordafrika, auf der arabischen Halbinsel und im Nahen Osten zum Welt-Krieg geworden. Gefleddert wurden die  Überreste des Osmanischen Reiches; Briten und Franzosen teilten sie sich fast brüderlich. Vor allem bei der Aufteilung der arabischen Provinzen nahmen sie keine Rücksicht auf die Wünsche der Betroffenen, auf deren Herkunft und Religion. Es wurden schlicht Striche auf Landkarten gezogen und damit erbitterte Feinde zusammen in neue Grenzen gesperrt.

Die Briten (denken wir an „Lawrence von Arabien“) erinnerten sich nach getanem Kampf nicht mehr an ihr Versprechen eines geeinten Arabischen Reiches. Und sie hatten der „zionistischen Föderation“ in London versprochen, dem jüdischen Volk in Palästina eine Heimat zu errichten. So entstanden am Kartentisch Staaten ohne Tradition und ohne Gemeinsamkeit – sieht man von dem Bewusstsein ab, betrogen worden zu sein. Der arabische Nationalismus und Fanatismus, der im letzten Aufbäumen des Osmanischen Reiches seine Wurzeln hat und danach von den Briten instrumentalisiert wurde, destabilisiert diese Region seit 100 Jahren. Kein Wunder, dass Bewegungen wie die Organisation Islamischer Staat mit dem Versprechen eines großen Kalifats, das die künstlichen Grenzen sprengt, solchen Erfolg haben.

Nachrichten aus dieser Region muten an wie Blicke ins Mittelalter. Die IS erschießt reihenweise schiitische Glaubensfeinde und rotten das wenige aus, was sich an zivilen Errungenschaften in den Köpfen der Bevölkerung festgesetzt hat. Die Hamas feuert Raketen auf israelische Großstädte. Israel antwortet mit dem Beschuss von Siedlungen im Gazastreifen. Menschenrechte? Unversehrtheit? Demokratie? Fehlanzeige. Kriegsverbrecher, Barbaren auf Regierungsposten. 2014.

Ähnlich rückwärtsgewandt muten die Auftritte nicht nur der prorussischen „Separatisten“ an, die hasserfüllt einen unerklärten Krieg führen gegen die Ukraine. Auch was wir hier erleben, ist das Aufbrechen einer alten Kriegswunde, die nur scheinbar vernarbt war; wir erleben eine Nation, die sich spaltet, in einen russischen und einen europäischen Teil. Wobei die Russen mächtig mitzündeln – ein Volk, das nie  Demokratie kennengelernt hat, über keine Menschenrechts-Tradition verfügt und sein anhaltendes Versagen, dem Westen wirtschaftlich nachzueifern, mit Gewalt und Nationalismus überdeckt. Die kulturelle Grenze zwischen Russland und Europa verläuft quer durch die Ukraine, seit sie ein Staat ist.

Der Westen der Ukraine gehörte bis vor gut 100 Jahren als Ost-Galizien zum Kaiserreich Österreich-Ungarn. Pläne, sich nach dem Krieg zu verselbstständigen, scheiterten am Einmarsch der Polen. Die Korrektur wurde nach dem Zweiten Weltkrieg vorgenommen – ein kleiner Teil Galiziens fiel an Polen, ein anderer – inklusive der heute gerne von TV-Reportern besuchten Stadt Lemberg – ging ans Sowjetreich. Es folgte eine gewaltige Zwangsumsiedlung: Mehr als eine Million Polen mussten ihre Heimat in Galizien aufgeben und siedelten sich in den ehemals deutschen Teilen Polens an, in Pommern, Schlesien, Ostpreußen. Im Gegenzug wurden Ukrainer aus Polen in die Ukraine umgesiedelt. Damit wurde der ukrainische Teil Galiziens, die heutige West-Ukraine, zum ersten Mal fast komplett von Ukrainern bewohnt. Im Osten des Landes siedelten die Russen. Heute führen sie einen Bürgerkrieg, um das Land wieder zu trennen – mit zahllosen zivilen Opfern auf beiden Seiten – und in Kauf genommenen Katastrophen wie dem Abschuss von MH17.

Was lehrt uns die Geschichte? Wenn Demokratien versuchen, ein fremdes Land unter militärischem Druck in eine Demokratie zu verwandeln, geht das grundsätzlich schief – Afghanistan ist das vorerst letzte Glied der Beweiskette. Völker müssen über Generationen mit dem Wert der Freiheit und dem Kampf um diese Freiheit vertraut gemacht werden, um ihre Regeln zu respektieren. Wird ihnen eine freiheitlich demokratische Grundordnung oktroyiert, treten sie das Geschenk mit Füßen, und fallen zurück ins gewohnte Schema, dem Recht des Stärkeren, sobald die Soldaten abgezogen sind. Was im Nahen und Mittleren Osten fehlt, sind Reformen und Bildung. Nicht Raketen und Bomben.

Was wir auch aus der Geschichte lernen: Friedensverträge können Kriege auslösen, wenn sie gut gemeint und schlecht gemacht sind. Die Konsequenz aus dieser Erfahrung – und aus Jahrzehnten Nahostpolitik – wäre wahrscheinlich: Überlasst Palästina sich selbst. Was hier vor 100 Jahren geschaffen wurde, ist unheilbar krank; ein Schrecken ohne Ende.

Für die Ukraine gilt das wahrscheinlich nicht – hier könnte es vielleicht sogar gelingen, den alten Fehler zu korrigieren: durch die Spaltung des Landes. Das wäre ein Ende mit Schrecken. Aber wenigstens ein Ende.

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