NSA und CIA: Auf dem globalen Spielfeld gibt es keine Freunde

Natürlich hätten die Argentinier gerne zeitig gewusst, welche Spieler der deutsche Bundestrainer ins Endspiel schickt und mit welcher Taktik. Oder wer von ihnen im Falle des Falles im Elfmeterschießen antritt. Und welche Varianten für Standardsituationen sie immer und immer wieder geübt haben. Natürlich beschäftigen die Fußball-Teams Experten, die künftige Gegner genau anschauen, analysieren und ihre Schwachstellen offenbaren. Wahrscheinlich versuchen Sie auch, vertrauliche Informationen zu bekommen. Und warum? Um des Siegens willen. Um am Ende jeden noch so kleinen Vorteil auszunutzen, der im entscheidenden Moment über Pokal und Trostpreis entscheiden könnte. Aus genau demselben Grund spionieren die USA gegen Deutschland. Nicht aus Misstrauen, nicht aus Zweifeln an der Freundschaft, sondern um im politischen und ökonomischen Wettbewerb der Nationen die Nase vorn zu haben.

Im WM-Schlaaaand!-Siegestaumel sind diese Nachrichten untergegangen; als Randnotizen einer komplizierteren Welt: Der oberste Geheimdienstrepräsentant der Amerikaner ist trotz offizieller Aufforderung immer noch nicht abgereist. Und: Der Vorsitzende des NSA-Untersuchungsausschusses des Bundestags will geheime Dokumente wieder mit Schreibmaschinen schreiben.

Schlaaaand! lass nach! Worüber sollen wir uns mehr amüsieren: über die Macht- oder die Hilflosigkeit? Am besten überhaupt nicht amüsieren, sondern vom Fußball lernen. Freunde gibt es auf dem Platz nur innerhalb einer Mannschaft – Bundesliga-Kumpels der gegnerischen Nationalität werden vorher geherzt und nachher getröstet, aber in den entscheidenden 90 Minuten bekämpft, getreten, geschlagen.

Die Amerikaner sind auch regierungsamtlich ständig im Kampfmodus (und nicht nur die – wahrscheinlich sind die Chinesen und Russen noch schlimmer). Seit den Terroranschlägen haben sie Milliarden in die lückenlose Überwachung potenzieller Terroristen gesteckt – also die Überwachung der Menschheit. Die gut ein Dutzend Geheimdienste spionieren selbstverständlich auch die Verbündeten aus – eine ständige Qualitätssicherung der Freundschaft. Natürlich passieren dabei Fehler – mal übersieht einer die Bomber von Boston, mal löscht eine Drohne Unschuldige aus. Das sind Kollateralschäden einer Nation in Dauer-Hybris. Diesen Preis zahlen die USA für ein Gefühl der Sicherheit und Dominanz, aber auch für Informationsvorteile, die sie im politischen und ökonomischen Wettstreit mit anderen Nationen einsetzen. Es geht um Sieg oder Niederlage der Diplomatie, um Vorteile bei Handelsverträgen und den besseren Deal bei Firmenübernahmen und Milliardenaufträgen. Machtspiele.

So lange sie dabei nur deutsche Schlapphüte mit kleinem Gehalt zu Doppelagenten machen, könnte uns das egal sein. Und ob der NSA-Untersuchungsausschuss auf Schreibmaschinen protokolliert oder bei Klaviermusik tagt, das sind Lösungsansätze, die in ihrer Absurdität das Gremium wahrscheinlich mehr schädigen als der Verrat an sich. Es gehört zum Berufsrisiko von Spitzenpolitikern, abgehört zu werden. Auch von Freunden; vielleicht sogar vom BND. Wenn das auffliegt, bekommen die empörten Opfer sofort Hilfe – Crypto-Handys sind im politischen Berlin das neue Statussymbol wirklich wichtiger Akteure.

Über all den aufgeregten Debatten über die Sicherheit von Politiker-Handys und Ausschuss-Interna dürfen wir den eigentlichen Skandal nicht vergessen: die massenhafte Ausspähung deutscher Firmen und unschuldiger Bürger. Neun von zehn Lauschangriffen gelten unbescholtenen Menschen wie dir und mir. Aber uns eilen keine Fachkräfte mit Crypto-Handys zur Seite, und an Schreibmaschinen würden wir nicht einmal im Traum denken. Aber wir brauchen auch Hilfe.

Wenn die Bundesregierung sich endlich eine digitale Agenda gäbe, eine Aufgabenliste jenseits des Ausbaus der Datenautobahn, müsste der Schutz der Firmen und Bürger vor Datenklau und Datenmissbrauch ganz oben stehen. Aber der Schutz der persönlichen digitalen Freiheit und der Rechte an den eigenen Daten hat bislang keine Priorität. Auf dem globalen Spielfeld brauchen wir mehr als vier Innenverteidiger.

Vor allem brauchen wir Menschen an der Spitze, die das Spiel verstehen und begreifen, dass auf dem Feld keine Freunde warten, sondern eiskalte Rechner, die Moral und Werte über Bord werfen, wenn es um den eigenen Vorteil geht, und brutal treten, wenn der Schiedsrichter nicht aufpasst. Wir müssen hart gegenhalten. Einen abwehrbereiten Eindruck machen. Die Alternative ist nicht nur im Siegestaumel nach der WM undenkbar: ein duldsames Volk, das Klavierkonzerte hört, während es auf der Schreibmaschine tippt. Schlaaaand?

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