Leitzins: Die „Dicke Bertha“ der EZB ist eine Luftpistole

Wenn die Unternehmen kein Geld ausgeben, müssen die Staaten einspringen - Investitionen in Straßenbau, Energieversorgung, Forschung und Bildung bringen Dividende; die Geldpolitik häuft nur noch Risiken an.

Das Arsenal der Geldpolitik in Europa ist leer geräumt, das meiste Pulver ist verschossen. Geblieben sind die kleinen Kaliber, die auch dann nicht mehr Wirkung erzielen, wenn man sie „Dicke Bertha“ nennt. Deshalb ist die Senkung des Leitzinses der Europäischen Zentralbank (EZB) von 0,25 auf 0,15 Prozent eher Luftpistole als Kanone, allenfalls ein Signal der Hilflosigkeit. Mehr ist wegen des fehlenden Spielraums nicht möglich. Und auch nicht nötig. Denn es ist mehr als genügend Geld vorhanden; noch mehr Liquidität zu schaffen, bedeutet, einem Ertrinkenden ein Glas Wasser anzubieten.

„Der Wirtschaft vor allem im Süden Europas fehlt das Geld für Investition und Innovation, die Banken verweigern Kredite, also muss mehr Geld her. Wenn die Unternehmen wieder investieren, wächst die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen, es kommt Schwung in die Wirtschaft, die Inflationsrate steigt aus der Deflationsgefahr. Und alles ist gut.“

Diese logisch scheinende Argumentationskette, die ständig repetiert wird, hat einen Haken: Es gibt überhaupt keine Kreditklemme. Es gibt eine Vertrauensklemme. Und die lässt sich mit EZB-Geld allein nicht lösen.

Dass Unternehmen keine Kredite aufnehmen, kann zwei Gründe haben: Sie wollen keine oder sie bekommen keine. Natürlich steigt die Zahl derjenigen an, deren Kreditwunsch nicht erfüllt werden kann. Und das ist gut so. Die Banken müssen genauer prüfen, wem sie Geld leihen, und die Kredite mit mehr Eigenkapital hinterlegen. Das gehört zum Kampf gegen die Zocker.

Aber dass die Banker pingeliger geworden sind, beeinflusst die maue Kreditbilanz nur wenig. Dass zu wenige Unternehmen Schulden machen, liegt eher daran, dass sie nicht wollen oder nicht müssen. Die einen trauen der Stabilität der Wirtschaftsentwicklung nicht; was man ihnen nicht verdenken kann angesichts des Kasperletheaters nach der Europawahl und der markigen Sprüche aus den nationalen Parlamenten als Reaktion auf den Erfolg der Europa-Skeptiker. Die anderen brauchen keine Investitionen, weil ihre Produktionsanlagen trotz leichten Wachstums längst nicht ausgelastet sind. Sogar in Deutschland, wo die Stimmung richtig gut ist, geben die Unternehmen rekordverdächtig wenig Geld aus.

Also gehen wir davon aus: Dass die Banken ihr Geld lieber zinslos in den Tresoren der EZB parken, als es an solvente Investoren zu verleihen, ist ein Märchen. Es gibt schlicht zu wenig Nachfrage. Zu viel Geld liegt nutzlos fest oder dient als Spielgeld, zu wenig Geld ist um Umlauf – Inflation: Mangelware. Und daran ändert auch der spektakuläre Negativzins nichts. Nebenbei bemerkt: Die offizielle Inflation mag sensationell niedrig sein, aber die tatsächliche Teuerungsrate, die an unserm Geld nagt, dürfte zwischen drei und vier Prozent liegen.

Die Folge der Ebbe auf dem Kreditmarkt können wir täglich besichtigen: Banken kaufen mit dem EZB-Geldsegen lieber Staatsanleihen ihrer Heimatländer (was uns Bauchschmerzen bereiten sollte), Versicherer und Profi-Anleger weichen angesichts Minizinsen auf riskantere Märkte aus, in Deutschland wächst eine Immobilienblase, der DAX schießt an den tatsächlichen Unternehmenserfolgen vorbei, und die einfachen Sparer sehen weinend zu, wie ihre Ersparnisse schmelzen.

Was hilft aus dieser Vertrauensklemme heraus? Zum einen müssen die Euroländer trotz nationaler Irritationen unbedingt beim Konsolidierungskurs bleiben – vor allem Frankreich und Italien. Das gilt aber nicht für Investitionen. Im Gegenteil: Die Staatshaushalte müssen hier deutlich zulegen. Sonderprogramme für Straßenbau und -sanierung, Schifffahrtswege, Telekommunikation, Energie, Forschung und Bildung wären auch dann sinnvoll, wenn sie weitgehend auf Pump finanziert würden. Denn solche Investitionen versprechen Dividende, während die gegenwärtige Geldpolitik mit ihren schwächer werdenden Instrumenten Schulden anhäuft für künftige Generationen.

Die „Dicke Bertha“ von Mario Draghi ist ein teurer Rohrkrepierer. Das Risiko, das er indirekt anhäuft in Form von wackligen Staatsfinanzierungen, unsicheren Krediten, Immobilienblasen, Aktien-Hype und der Zerstörung der Sparguthaben, belastet künftigere Staatshaushalte stärker als jedes Investitionsprogramm. Europa braucht nicht mehr Geld, sondern mehr politische Kreativität.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Ökonologie abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.