Autovervollständigen schließt keine Bildungslücken

Siri, die persönliche Assistentin im Apple-Telefon, ist ein kleines Wunderwerk. Die meisten werden zwar das Interesse an ihr verlieren, sobald sie ihr oft genug die üblichen Fragen gestellt und so die altbekannten, selten witzigen Antworten entlockt haben, etwa jene nach dem Sinn des Lebens (Antwort: „42“ – gut 35 Jahre alt, falsch zitiert) – hahaha! Aber die Software kann nicht nur unterhaltsam zu sein versuchen, sondern sie ist auch nützlich. Sie erinnert an Termine und durchsucht das Internet und SPRICHT. Schreiben soll sie auch können. Kann sie aber nicht. Was an sich kein Problem ist, aber eines werden kann. Denn immer weniger Kinder lernen, selbst zu schreiben, und Siri & Co sind kein Ersatz.

„Alles Güte“, schreibt das iPhone, auch wenn ich „Gute“ getippt habe. „Autovervollständigen“ bedeutet, dass einmal gemachte Fehler gnadenlos festgehalten werden. Siri ist schlimmer. Ungefähr so gut wie eine Google-Übersetzung. Ja: Diese Programme sind viel besser geworden und werden ständig fortentwickelt. Aber ob sie jemals ein halbwegs ambitioniertes Diktat mit „sehr gut“ bestehen? Das hängt auch von den Anforderungen ab. Leider sind wir dabei, die Hürden zu senken und die Schülerinnen und Schüler auf Siri-Niveau zu befördern.

Die meisten Kinder können keinen Stift richtig halten, wenn sie aus dem Kindergarten in die Schule wechseln, hat die Bildungsforscherin Stephanie Müller, Institutsleiterin und Buchautorin aus Nürnberg, festgestellt. Die Kleinen sind nicht zu dumm dafür. Ihnen fehlen schlicht die motorischen Fähigkeiten, um korrekte Schlangenlinien und Zickzack-Striche ziehen zu können. Das hat mit Intelligenz nichts zu tun, sondern damit, dass in der Freizeit die Bewegung fehlt. Und im Kindergarten das Training. Das Problem setzt sich in der Schule fort.

Statt früh anzufangen und in den Kindergärten mehr für das Schreiben zu trainieren, werden die Anforderungen herabgesetzt. Wozu noch Schreibschrift? Immer mehr Schulen entscheiden sich für Druckbuchstaben. Und mit der Rechtschreibung nehmen die Lehrer es auch nicht mehr so genau. Es genügt doch zu schreiben, wie man spricht, äi Allder.

Es ist nicht mehr weit bis zu einer Gesellschaft, die auf Siri-Niveau schreibt, sich auf Autovervollständigen verlässt, Groß- und Kleinschreibung ignoriert und die Schreibschrift komplett abschafft. Wahrscheinlich werden schon bald Bildungsministerinnen und –minister der Generation 2.0 entscheiden, dass Druckbuchstaben genügen, und der Duden hoffnungslos überbewertet ist.

Es wird keinen #Aufschreib geben. Das Kulturgut Schrift hat die Menschheit in große Höhen geführt und jetzt seinen Zenit überschritten. Schnell einen Gedanken notieren, sich in der Disziplin einer eigenen Handschrift zu üben, vor dem Schreiben zu sinnieren, etwas fließend zu Papier bringen und ein Manu-Skript im Sinne des Wortes betrachten und begreifen – das ist Nostalgie. Dass die Kinder besser lernen, was sie in Schreibschrift notieren, gehört zu den als ewig gestrig eingestuften Argumenten, obwohl es stimmt. Vereinfachtes Schreiben trifft auf vereinfachte Rechtschreibung und erzeugt? Vereinfachtes Denken.

Kein Wunder, dass die Abiturienten schon heute weniger wissen als ihre Vorgänger – und das liegt nicht an der Verkürzung der Schulzeit, schreibt das Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. Die schlechtere Lernleistung wird besser benotet. Wir senken das Bildungsniveau und halten mit besseren Noten dagegen. Heraus kommen junge Menschen, die in Satzfetzen und Bildchen kommunizieren, lange Texte meiden, kaum vollständige Sätze zu Wege bringen, reihenweise ihr Studium abbrechen und ohne Smartphone nicht einmal mehr wissen, wie ein Omelett zubereitet wird.

Siri & Co werden es ihnen sagen, wenn der Akku hält und das Netz funkt. Aber sie werden keine Rezepte erfinden und nicht selbst kochen. Siri denkt nicht. Sie ist nicht kreativ, sensibel, mutig, empathisch, sozial; sie folgt hirnlos einem Programm. Auf die Frage nach dem Sinn des Lebens antwortet sie auch nach drei Jahren noch „42“, weil es so programmiert ist. Aber die Zukunft braucht keine Automaten, sondern Entdecker und Erfinder. Deshalb dürfen wir sie nicht der Spracherkennung überlassen. Autovervollständigen schließt keine Bildungslücken.

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