Klimawandel: Sanftere Töne des Rates lassen sich überhören

Jetzt ist es komplett, das dreifaltige Berichtspaket des Weltklimarats (IPCC). Es bestätigt die bekannten Fakten: Die Menschen verändern das Klima ihres Lebensraumes und fügen ihm enorme Schäden zu, wenn die Atmosphäre weiter ungebremst verdreckt wird. Neu hingegen ist der Ton: nicht mehr gar so alarmistisch, nicht mehr gar so selbstsicher prophetisch, sondern zurückhaltend in der Prognose des Wandels und der Kosten (sowohl der Kosten für den Kurswechsel als auch die mögliche Schadenshöhe). Dem IPCC steht diese Zurückhaltung gut zu Gesicht nach einer Reihe von Irrtümern und Skandalen. Dumm ist nur, dass diese zur Schau getragene Nachdenklichkeit auf eine Welt trifft, die sich in Sachen Klimaschutz gerade für die lange Bank und Eigenbrötelei entschieden hat. Jedes Land, jede Region, jede Splittergruppe wird sich aus den drei Berichten das für die eigene Politik geeignete Argumente-Arsenal auswählen und sich entscheiden: für irgendetwas zwischen Nichtstun und Panik. Damit dürfte der globale Ansatz zur Bekämpfung des Klimawandels endgültig am Kirchturmdenken zerschellen.

Bisher sollte die politische Reaktion auf die fast unumstößlichen Fakten ein Schulterschluss sein, ein globaler Vertrag als Einigung darauf, wer welche Rolle spielt im Kampf gegen die Erderwärmung: Wie stark senken die etablierten Schmutzfinken der wohlhabenden Industrienationen ihren Ausstoß? Wie stark begrenzen die Schwellenländer den Einsatz fossiler Energieträger? Welchen Anteil des Energiekuchens dürfen die Entwicklungsländer haben? Wer bezahlt die Schäden, die durch den Klimawandel entstehen – vor allem da, wo ohnehin die Ärmsten der Armen leben?

Vom Weltklimarat gibt es da überhaupt keine Antworten mehr, keine Vorschläge. Nicht einmal den Industrieländern werden noch konkrete Ziele auferlegt. Es bleibt jedem selbst oder den Mammutkonferenzen überlassen, die Abkehr von fossilen Brennstoffen festzuschreiben und die damit verbundenen Lasten zu verteilen – die nächste ist 2015 in Paris und soll endlich einen neuen UN-Klimavertrag entwerfen.

Der IPCC hat den wissenschaftlichen Rahmen abgesteckt und gesagt, was passiert, wenn dieser Rahmen gesprengt wird (Anstieg der Temperatur bis Ende des Jahrhunderts um bis zu 4,8 Grad). Und wie er einzuhalten ist. Das klingt schlicht: Bis 2050 müssen die Treibhausgase um bis zu 70 Prozent verringert werden. Und im Jahr 2100 dürfen keine Treibhausgase mehr entstehen. Noch – so der zum Realismus gewendete Weltklimarat – sind die Kosten dafür leicht zu schultern, und sie gehen nicht mal zu Lasten des Wachstums.

Das hört sich verträglicher an als die bekannt schrillen Forderungen. Was bisher fast klang wie ein Befehl, endlich vegan zu leben und sich in Jesuslatschen vom Wohlstand zu verabschieden, kommt jetzt daher wie das zahnärztliche „tut doch gar nicht weh!“. Leider dürfte diese Wende zu spät kommen. Die Welt hat sich bereits anders entschieden. Für Alleingänge mit manchmal bizarren Ergebnissen: Ausgerechnet die Amerikaner, Klima-Ignoranten und CO2-Weltmeister, weisen eine positive Bilanz auf, weil sie immer mehr Gas verbrennen statt Kohle – Gas, das durch das bei uns verpönte „Fracking“-Verfahren gefördert wird. Die energiegewendeten Deutschen hingegen verpesten ihre Luft zunehmend, obwohl sie die Landschaft mit Riesenrädern spicken und mit Solarpaneelen pflastern und den Stromkunden dafür gut 20 Milliarden Euro im Jahr abverlangen. Weil Braun- und Steinkohle eingesetzt werden, wenn Wind und Sonne ausfallen. Vorschläge wie: „Kernkraftwerke länger am Netz halten und CO2 im Boden entsorgen“ will Deutschland trotzdem nicht hören. Klima- statt Klientelpolitik geht anders.

Klimapolitik muss anders gehen. Denn aller zur Schau gestellten Nachdenklichkeit zum Trotz führt an den Fakten kein Weg vorbei: Die Atmosphäre unseres Lebensraumes verträgt zusätzlich nicht einmal 1000 Gigatonnen CO2 bis 2050. In den Jahrhunderten vom Beginn der industriellen Revolution bis 2011 wurden gut 500 Gigatonnen „produziert“. Bis 2050 dürfen wir uns also noch gut 490 Gigatonnen leisten. Das ist die Vorgabe der Wissenschaftler, wenn die Erwärmung noch auf zwei Grad begrenzt werden soll, und sie ist kaum einzuhalten. Danach darf weder Öl noch Kohle noch Gas verfeuert werden.

Was das bedeutet, macht eine andere Zahl deutlich: Die bis heute gesicherten Reserven fossiler Brennstoffe entsprechen fast 3000 Gigatonnen Kohlendioxid. Genug für den mehrfachen Klima-Overkill. Aber statt der Sorge, dass diese Massen tatsächlich verbrannt werden, herrscht die Angst vor dem Ende der Vorräte, werden Milliarden in die Suche und Erschließung neuer  Lagerstätten gesteckt. Von Verzicht keine Spur. Woher soll die Einsicht kommen, die Reserven im Boden zu lassen?

Seien wir ehrlich: Damit ist nicht zu rechnen. Die Welt nimmt die neuen IPCC-Berichte zur Kenntnis wie die alten. Stoisch. In Ermangelung klarer Vorgaben sucht sich jeder seine Schlussfolgerungen aus – die einen werden auf ihre neuen Atommeiler verweisen, die anderen auf ihre Windräder oder ihr Fracking. Und alle werden sich gegenseitig Fehler, Geiz und Tatenlosigkeit vorwerfen. Aber unterm Strich steigt der Ausstoß der Treibhausgase weiter an. Vielleicht genügt es ja, im Fall des Falles die Notbremse zu ziehen?

Aber es gibt keine Notbremse. Wenn die Naturkatastrophen wie erwartet zunehmen, wenn noch mehr Hungerflüchtlinge die satten Staaten bedrängen, in Mitteleuropa exotische Krankheiten ausbrechen und Kriege geführt werden um fruchtbare Böden, dann genügt es nicht, mal eben auf Panikmodus zu schalten. Das ist das Problem beim inzwischen zurückhaltend formulierenden Weltklimarat: Er tut so, als könne man Wohlstand und Wachstum und Klimarettung zugleich haben. Da überliest sich leicht, dass es für diese sanfte Version keinen zeitlichen Spielraum gibt. Es stimmt. Der Weltklimarat sagt: Wir haben noch Zeit. Aber das gilt nur, wenn man sofort handelt. Aber wenn die von vielen Nationen für 2020 festgelegten Ziele wie zu erwarten deutlich verfehlt werden, ist es für eine komfortable Rettung zu spät. Auch für die Rettung von Wohlstand und Wachstum.

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