RWE und EnBW auf dem Weg zum Saurierfriedhof?

Die Energiewende macht den Stromkonzernen zu schaffen. An der Misere sind sie auch selbst schuld. Trotzdem gibt es Gründe für die staatliche Förderung.

Sie waren die strahlenden Größen des Geschäfts mit Energie, sie besaßen Kraftwerke, Trassen und Tankstellen und lieferten ihren Aktionären verlässlich Milliardengewinne ab. Sie waren die Lieblinge der Politik und die erklärten Feinde der Atomkraftgegner und Klimaretter, und sie schienen unbeeindruckt von Protesten und unantastbar. Heute sind sie taumelnde Titanen, die den Staat um Hilfe bitten: RWE, EON, EnBW und Vattenfall. Die Energiewende hat ihnen die Lizenz zum Geldverdienen entzogen, und sie haben zu lange darauf vertraut, dass Größe und politisches Gewicht alleine genügen zum „weiter so!“. Wie man sich irren kann. Heute folgt Sparrunde auf Sparrunde, für den Aufbruch in die neue Welt der dezentralen Stromerzeugung und intelligenten Netze fehlt die finanzielle Energie. Muss der Staat jetzt den Konzernen helfen, nachdem er die Erneuerbaren großgezogen hat? Das ist gut möglich; denn zumindest vorübergehend ist die Energiewende auf ihre Feinde angewiesen, die sie zu lange ignoriert und bekämpft haben.

Besonders laut klagt RWE, über Jahrzehnte der Inbegriff des arroganten Stromkonzerns, jetzt die Nummer Eins bei den Verlusten. Aber auch EnBW muss weiter Federn lassen und meldet erheblich sinkende Gewinne. Aber immer noch Gewinne. Das wird nicht so toll bleiben – die Energiewelt hat sich gewandelt, sie wandelt sich weiter, und die Riesen haben es zu lange versäumt, darauf zu reagieren. In den Vorständen herrschte genau jene sture Versorger-Mentalität, die sie ihren Mitarbeitern einst austreiben wollten, als die erste große Herausforderung ins Haus stand: die Liberalisierung des Strommarktes.

Aber die zunächst geringen Verluste durch innovative – und leider häufig blauäugige und leichtsinnige – neue Konkurrenten bestätigten die Konzerne in der Überzeugung, unsterblich zu sein. Dabei hatten sie die größte Bedrohung allenfalls als Exot auf dem Schirm: den Ausbau der Erneuerbaren Energien. Der Vorläufer des EEG (Erneuerbare Energien Gesetz) von 2000 stammt immerhin schon aus dem Jahr 1990. Beide wurden in den glitzernden, luxuriösen Vorstandsetagen von den mächtigen Konzernlenkern schlicht falsch eingeschätzt. Und das blieb so bis in die Gegenwart.

Von den Milliarden, die die Konzerne vor allem mit der Stromerzeugung verdienten (Kohle, Kernenergie), flossen nur Trinkgelder in den Aufbau moderner Anlagen. Dabei hatten die Konzerne beste Ausgangspositionen: Markt- und Technikkenntnisse, Kontakt zu den Lieferanten, engen Draht zur Politik (der Staat ist bis heute auf verschiedenen Ebenen – bis zur Kommune herab – Anteilseigner) und eine prall gefüllte Kriegskasse. Es ist schwer nachvollziehbar, warum alle deutschen Stromriesen (und die meisten anderen in Europa) diese Chance verpasst haben. Stattdessen steckten sie weitere Milliarden in den Bau konventioneller Kraftwerke und warnten sogar vor einer Versorgungslücke, wenn nicht noch mehr Kohle- und Gaskraftwerke gebaut werden.

Heute gibt es Überkapazitäten, der Strompreis ist im freien Fall, selbst die Preise für Spitzenlast sind drastisch gesunken. Neue Kraftwerke, vor allem Gaskraftwerke, werden erst gar nicht in Betrieb genommen, sondern gleich eingemottet. Okay: Der Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Kernenergie war nicht vorhersehbar. Aber mit dem Ende des Atomstroms konnten die Konzerne durchaus rechnen, statt sich ausschließlich auf den anhaltenden Erfolg ihrer Lobby-Arbeit zu verlassen. Auch auf alles andere hätten sich die Konzerne vorbereiten können: steigende Kosten für Umweltverschmutzung (Imissionsschutz, Klimawandel), Erfolg der Energieeffizienz und stagnierende, in Krisenzeiten sinkende Nachfrage und den Einstieg branchenfremder Investoren, sobald die Riesen ihnen das Feld überlassen und die Kapitalkosten niedrig sind.

Das Ergebnis dieser Fehlentscheidungen lässt sich heute in den Berichten der Vorstände nachlesen. Während die „Großen Vier“ der deutschen Stromversorgung immer noch über den Löwenanteil der klassischen Erzeugungskapazität verfügen, kann man ihren Anteil an den Erneuerbaren vernachlässigen. Diese Zahlen stehen in einer aktuellen Analyse von Greenpeace: Eon, RWE, EnBW und Vattenfall halten ein Zehntel der Windenergieanlagen an Land – die Hälfte der Windräder ist jedoch in privater Hand, 40 Prozent teilen sich Unternehmen (darunter alle anderen Energieversorger mit allenfalls 6 Prozent). Der Anteil der Großen Vier an allen Erneuerbaren (außer Wasserkraft) liegt noch tiefer: 3,5 Prozent. Aber es wird immer mehr Ökostrom und immer weniger konventioneller Strom verkauft.

Die Reaktion auf diese offenkundige Misere fällt zunächst entmutigend aus. Weil Deutschland unbedingt konventionelle Kraftwerke braucht, um Phasen zu überbrücken, wenn Wind und Sonne zu wenig Strom liefern, wittern die Konzerne staatliche Rettungsaktionen. Sie wollen für die Anwesenheit ihrer Kraftwerke bezahlt werden („die Feuerwehr wird ja auch finanziert, wenn es nicht brennt“, sagt der RWE-Chef). Das könnte ihnen gefallen, ist aber Unsinn. Auch die Lückenfüller müssen nach Marktbedingungen und tatsächlicher Lieferung bezahlt werden. Aber sie müssen bezahlt werden. Modelle dafür gibt es. Ansonsten hören wir aus den Konzernzentralen Bekanntes: Sparprogramme, Stellenabbau, Stilllegung.

Auch wenn die Konzerne (allen voran RWE) nur noch wenig Spielraum haben für Investitionen: Sie müssen jetzt auch bei sich die Energiewende einleiten, wenn sie überleben wollen. Ansonsten verpassen sie weitere Chancen. Sinnvolle Lösungen dürften auch mit EEG-Mitteln gefördert werden (dazu gehört aber nicht die Korrektur von Managementfehlern auf Kosten der Stromkunden).

Was ich von den Konzernen erwarte: Dass sie mithelfen, die Energiewende zum Erfolg zu führen, statt sie nach wie vor lobbyistisch zu torpedieren. Zum Beispiel müssen sie in Stromspeicher investieren (etwa die Umwandlung von Strom in Wasserstoff), bevor es Branchenfremde tun. Sie müssen sich den unzähligen dezentralen Produzenten als kompetente Dienstleister und willige Vermarkter anbieten. Und sie müssen endlich Ernst machen mit dem intelligenten Netz – aus deutschen Konzernzentralen ist außer Ankündigungen (virtuelle Kraftwerke, smart grid, smart home) und der Frage nach deren Finanzierung wenig zu hören, während andere Konzerne bereits massiv investieren. Da darf die Frage nach der Güte des Personals auch mal an der Spitze gestellt werden.

Die Zukunft könnte völlig anders aussehen: Google analysiert und vernetzt die Stromkunden und steuert die Stromnetze nach tatsächlichen Bedürfnissen. Der kalifornische Autobauer Tesla (oder ein ausgeschlafener deutscher Hersteller) liefert mit seinen Elektro-Autos auch die Batterien, um Wind- und Sonnenstrom zu speichern. Damit verlieren die Giganten auch ihr letztes Plus: die Netzhoheit. Wenn sie jetzt nicht beherzt handeln, gehen sie den Weg anderer Riesen: der Mammuts und Saurier.

Spannende Analyse: RWE-Verlust resultiert aus Fehlern im Ausland. Kohlenmeiler laufen gut. Stimmt. Aber das macht die Fehleinschätzung der Wende und traurige Perspektiven nicht besser.

 

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