Maisanbau verursacht auch ohne Gentechnik ernste Probleme

Mais ist auf dem Vormarsch - auch ohne Gentechnik. Die Pflanze ist ein Tausendsassa, sie steckt in jedem vierten Supermarktprodukt.

Wenige Wochen vor der Europa-Wahl versucht die EU, einen blamablen Fehler zu beheben, indem sie ihn auf einem Sonderweg umgeht. Nachdem die Landwirtschaftsminister im Februar dafür gesorgt haben, dass der Genmais 1507 auf EU-Ebene zugelassen wird, basteln die Umweltminister nun daran, genau diesen Genmais auf Länderebene zu verbieten. Überzeugend wirkt das nicht, weil mit einer Entscheidung nicht vor dem Wahltag im Mai zu rechnen ist, weil Genmais über den Umweg durch die Futtertröge längst auf unseren Tisch gelangt, weil das Maisproblem weit über Fragen der Gentechnik hinausgeht.

Für die Landwirtschaft ist Mais ein ganz wunderbares Gras. Mais produziert unglaublich effizient organische Materie, passt sich sehr flexibel unterschiedlichen klimatischen Bedingungen an und hat vor allem Nordamerika so gründlich erobert, dass die Amerikaner ihn mit dem Oberbegriff ehren: Mais ist „corn“ (wie in corn flakes). Vor allem lässt sich Mais relativ leicht genetisch manipulieren. Schon die Ureinwohner Amerikas fanden heraus, wie sie durch gezielte Bestäubung bessere Maissorten erschaffen konnten. Die modernen Nachfahren der ersten Maiszüchter haben Hybride geschaffen, deren Nachkommen absolut identische Klone sind und deren Samen deutlich schwächere Pflanzen hervorbringen – weshalb die Landwirte den Maissamen jedes Jahr neu kaufen müssen. Und die Zauberlehrlinge unter den modernen Züchtern impfen dem Mais mit den Mitteln der Gentechnik weitere ungewöhnliche Eigenschaften ein – zum Beispiel, dass die Pflanze ein Insektengift produziert und nichts dagegen hat, mehrfach mit einem besonderen Unkrautvernichtungsmittel übergossen zu werden.

Die Bauern können auf der einen Seite also den Einsatz von Insektengift verringern. Aber auf der anderen Seite sprühen sie jede Menge Unkrautvernichter aufs Feld, damit dort außer dem geliebten Mais kein anderes Pflänzchen gedeiht. Denn der Mais braucht alles selbst, was Luft (97 Prozent) und Boden (3 Prozent) zu bieten haben – vor allem, weil dank der Zuchterfolge die Maispflanzen unnatürlich dicht stehen können. Der größte Teil der steigenden Hektarerträge geht nicht auf dickere Maiskolben zurück, sondern auf mehr Pflanzen pro Quadratmeter.

Wir sehen: Auch völlig ohne moderne Gentechnik ist der Mais über die Jahrtausende seines Siegeszuges von Mexiko über die ganze Welt eine perfekte Ackerpflanze geworden und liefert mehr als ein Drittel der Getreideernte der Welt (vor Reis und Weizen). Dieser Erfolg schafft jedoch Probleme, die weit über die Frage hinausgehen, ob Genmais für die Natur gefährlich ist. Oder gesundheitsschädlich (was wir wüssten, denn Genmais ist in der EU als Futter- und Lebensmittel zugelassen – bloß nicht als Pflanze).

Mais ist das Getreide der modernen Lebensmittelindustrie – aber wir sehen ihn kaum. Ungefähr in jedem vierten Supermarktprodukt steckt Mais, etwa als Süßstoff, Öl, Nahrungsergänzungs- oder Konservierungsmittel. Der größte Teil aber landet im Futtertrog. Soja und Mais sind die Grundlagen der Massentierhaltung. Aber diese Spitzenposition wird inzwischen von der Bioenergie beansprucht. In den USA landet fast die Hälfte der Maisernte im Tank, und in Deutschland breiten sich endlose Maismonokulturen überall dort aus, wo Strom aus Biogas erzeugt wird – mit der drastischen Folge, dass große Investoren ins Geschäft einsteigen, die Pachtpreise so in die Höhe treiben, dass herkömmliche Landwirtschaft unrentabel wird, oder gleich als Käufer Tausende Hektar zusammenraffen. Die Maisanbaufläche in Deutschland hat sich in den vergangenen 40 Jahren versechsfacht, und sie wächst weiter.

Während hier heute schon ökologische Probleme auftreten, die wahrscheinlich weit über die Risiken hinausgehen, die durch den Anbau von Genmais hinausgehen, drechselt die EU ein Hintertürchen, um die allgemeine Genehmigung von Genmais in der EU auf Länderebene vielleicht doch noch zu stoppen. Und warum? Weil zum einen die Nachfrage der Landwirte nach diesem Produkt nur gering ist (der Hektarertrag in Deutschland liegt höher als in den USA, wo 85 Prozent der Maisfelder mit genetisch manipuliertem Mais bestückt werden), während sich zum anderen eine gewaltige Mehrheit der Deutschen gegen gentechnisch veränderte Nutzpflanzen ausspricht. Die EU-Regierungen werden einen Weg finden, ihr und unser Gewissen zu beruhigen. Was macht es schon aus, dass wir gleichzeitig Fleisch und Milchprodukte von Tieren verzehren, die mit gentechnisch verändertem Mais gefüttert werden? Aber: keine Angst. Die Wahrscheinlichkeit, an den Folgen von Unkrautvernichtungsmittel, Überdüngung, Fettleibigkeit oder Fehlernährung zu sterben, ist nach heutigem Kenntnisstand viel größer, als durch den Verzehr von Genmais krank zu werden. Aber das lässt sich nicht so schön in politische Botschaften ummünzen.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Ökonologie abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.