Ökostrom: Fakten zementieren die Irrwege der Energiewende

Wer wissen will, warum es so schrecklich schwierig ist, die Kosten für die Energiewende gerecht zu verteilen, muss sich nur die aktuelle Statistik durchlesen, die der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) gerade vorgelegt hat. Aus den nüchternen Ökostrom-Fakten für 2012 und 2013 lässt sich die Liste der nötigen Korrekturen am Gesetz über Erneuerbare Energien (EEG) einfach ablesen. Nur: Die Umsetzung ist nicht halb so einfach wie die Erkenntnis. Die Zahlen des Verbandes machen deutlich, dass die (Fehl-)Entwicklung schon weit fortgeschritten und nicht von heute auf morgen zu korrigieren ist. Entlastungen wird es nur punktuell geben, weil dann ein anderer die (weiter steigenden) Kosten tragen muss. Wir dürfen sicher sein: Am Ende zahlen die Verbraucher – über den Strompreis, über steigende Preise für Waren und Dienstleistungen oder über sinkende Löhne.

Im Grunde klingt es nach einem schönen Erfolg, was der BDEW meldet: Mehr als 1,3 Millionen Anlagen haben 2012 Strom aus Erneuerbaren Energien erzeugt – und zwar ein Viertel des Stroms in Deutschland. Und im vergangenen Jahr ging die Erfolgsgeschichte weiter. Wachstum durch Wind: 53 Milliarden Kilowattstunden erzeugten die Windkraftwerke im vergangenen Jahr – ein Rekord. Die Monate Juni bis August waren die bislang stärksten Sonnenstrommonate mit fünf Milliarden Kilowattstunden. Und auch die Biomasse hat zugelegt – ihr Anteil an der Ökostromerzeugung liegt bei 27 Prozent und wird nur noch vom Wind (47 %) übertroffen. Das ist die positive Seite der Energiewende. Leider hat der Erfolg auch Schattenseiten.

Dilemma 1: Das Wetter. All die feinen Zuwächse resultieren nicht daraus, dass Wind und Sonnenstrahlen besser genutzt wurden, oder dass der Wind kräftiger geblasen, die Sonne länger geschienen hat. Nein. Sie resultieren aus der schieren Menge an neuen Anlagen. Der Rest sieht nicht so gut aus; eher launisch. Wie das Wetter. Schauen wir mal auf die installierte Leistung (also das, was die Kraftwerke potenziell liefern könnten) und die tatsächliche Produktion. Und die Kosten.

Biomasse und Wasserkraft verfügen nur über 14 Prozent der installierten Leistung, aber sie tragen mehr als 31 Prozent zur Ökostromerzeugung bei. Die Windräder an Land produzieren immerhin mehr als 37 Prozent des Ökostroms – aber ihr Anteil an der installierten Leistung beträgt gut 42 Prozent. Ganz übel sieht es bei der Photovoltaik aus – mit einer Power von knapp 43 Prozent der installierten Leistung bringen die Solarzellen auf den Dächern und Wiesen der Republik nicht einmal 20 Prozent des Ökostroms ins Netz.

Das ist der Beleg für den Solar-Unsinn, aber auch dafür, dass Strom aus Wind und Sonne höchst unzuverlässig bereit steht. So lange es kaum Stromspeicher gibt, werden konventionelle Kraftwerke (Atom sowie Braunkohle vor Steinkohle und Gas) die Lücke schließen müssen – völlig unabhängig von der Zahl der Wind- und Solaranlagen.

Dilemma 2: Der Preis. Die Politik hat sich in die Sonne (die ja keine Rechnung schreibt) verliebt. Photovoltaik war und bleibt ihr Lieblingskind (auch weil damit die wichtige Klientel der Land- und Hausbesitzer prima bedient wird – 1,3 Millionen der 1,34 Millionen Ökostromanlagen sind Photovoltaikanlagen.).

Die Stromkunden fördern die Megawattstunde Sonnenstrom mit 252 Euro – Strom aus Biomasse mit 137 Euro, Strom aus Wind (onshore) mit 62 Euro. Oder summiert: Im laufenden Jahr rechnen wir mit gut 36.000 Gigawattstunden Solarstrom und 62.000  Gigawattstunden Windstrom (onshore). Aus dem EEG fließen an die Solaranlagen aber satte 10,5 Milliarden Euro, an die Windräder nur 4,3 Milliarden. Und warum bleibt das so? Mit der Beantwortung dieser Frage kommen wir zum

Dilemma 3: Den Ländern. Die EEG-Förderung ist wirklich wirksam. Sie landet fast komplett an der Quelle, also beim jeweiligen Erzeuger. Das Geld fließt in die Pacht (und bessert so manche Gemeindekasse auf), in den Bau und Betrieb der Anlagen und in die Taschen der Investoren. Das macht Ökostrom zu einem wunderbaren Konjunkturprogramm. Das gilt aber nur, wenn mehr EEG-Förderung ins Land fließt als hinaus.

Deshalb sind die Bayern so wild auf Photovoltaik. Auf den Dächern und Wiesen des Freistaats finden wir ein Drittel aller Ökostromanlagen Deutschlands: 441.504 Stück. Wir können davon ausgehen, dass mehr als 400.000 davon Solaranlagen sind, die besonders üppig gefördert werden. Die Folge: Bayern trägt zwar nur 16,4 Prozent zur Ökostromerzeugung bei, kassiert aber knapp 25 Prozent der Förderung. Bayern bekommt vier Milliarden Euro aus dem EEG, seine Einwohner zahlen 3,2 Milliarden, bleiben unterm Strich 800 Millionen im Säckel.

Ganz anders sieht es in Nordrhein-Westfalen aus – das macht verständlich, dass NRW so an Kohlekraftwerken hängt. Das Land liegt nicht nur weit hinter Bayern zurück bei Solar und Biomasse, wegen seiner größeren Bevölkerungs- und Fabrikendichte benötigt es auch viel mehr Strom. Fazit: NRW bekommt zwar immerhin 1,6 Milliarden Euro aus der EEG-Kasse, aber Haushalte und Firmen bezahlen mehr als 4,5 Milliarden Euro. Es fließen also drei Milliarden Euro ab.

Die einen erwirtschaften mit den EEG-Abgaben einen fetten Überschuss, die anderen geben viel Geld ab. Auch eine Art Finanzausgleich.

Und Rheinland-Pfalz? Das Ökostromwunderland hat es noch nicht ganz geschafft. Im vergangenen Jahr zahlten die Rheinland-Pfälzer zwar gut eine Milliarde Euro in die EEG-Umlage, aber im Gegenzug wurden nur 665 Millionen Euro ausgeschüttet. Die Ökoförderbilanz ist also noch deutlich negativ: 418 Millionen Euro sind abgeflossen – wahrscheinlich nach Bayern oder die Windkraft-Großverdiener an Nord- und Ostsee. Den größten Anteil daran tragen die privaten Haushalte, das ist das

Dilemma 4: Eigentlich müsste die Last der Energiewende halbwegs gleich auf alle Stromkunden verteilt werden. Aber dem ist nicht so: Die privaten Haushalte verbrauchen nur ein Viertel des Stroms in Deutschland, sie tragen aber im laufenden Jahr mehr als ein Drittel der Förderlast: 8,3 Milliarden Euro. Die Industrie beteiligt sich an den EEG-Kosten mit deutlich unter einem Drittel (7,4 Milliarden Euro), verbraucht aber knapp die Hälfte des Stroms. Würde man der Gerechtigkeit halber die Sonderkonditionen für die Industrie streichen, würde die Kilowattstunde um 1,36 Cent (plus Mehrwertsteuer) billiger, aber die Industrie müsste gut drei Milliarden Euro mehr bezahlen. Das führt uns zum

Dilemma 5: Der Kostenfalle. Wir können es drehen, wie wir wollen, die Weichen sind gestellt. Die Betreiber der Übertragungsnetze rechnen damit, dass die installierte Leistung der EEG-Anlagen in Deutschland weiter wächst – von 87.000 Megawatt im laufenden Jahr auf 111.377 MW in 2018. Dann dürfte die EEG-Förderung bei 27 Milliarden Euro liegen (im laufenden Jahr: knapp 22 Milliarden). Es geht lediglich darum, wer diese Last bezahlt. Aber diese Frage ist beantwortet: wahrscheinlich die privaten Haushalte. Muss die Industrie mehr bezahlen, wird sie ihre Produkte verteuern (falls möglich) oder den Standort schließen (um im Export wettbewerbsfähig zu bleiben) oder Personal abbauen, um die Kosten zu senken.

Nachtrag 1: Und was folgt aus Deiner Analyse?, werde ich häufig gefragt. Das wollte ich mir für einen späteren Beitrag aufheben. Aber hier eine Kurzversion: Politik und Wirtschaft müssen sich darauf verständigen, wie weit die Energiewende getrieben werden soll und wie schnell das passiert. Dann braucht es ein genaues Maßnahmenpaket und keinen Expertenstreit um Fragen wie: Brauchen wir die Höchstspannungstrassen von Nord nach Süd wirklich? Aus diesem Paket ergeben sich die Kosten. Und die müssen den Wählern (= den Kostenträgern) klipp und klar erklärt werden – inklusive einer Regelung für die sozial Schwachen. Außerdem plädiere ich dafür, den Wildwuchs bei der Photovoltaik zu beenden und bei der Biomasse ausschließlich auf Abfälle zu setzen statt auf Mais.

Nachtrag 2: SPIEGEL Online berichtet, dass die „Energiearmut“ in Deutschland zunimmt. Fast sieben Millionen Haushalte müssen mehr als jeden zehnten Euro für Energie ausgeben, steht in einer Antwort der Regierung auf eine Grünen-Anfrage. Damit gilt inzwischen mehr als jeder sechste Haushalt als energiearm, weil mehr als zehn Prozent des Nettoeinkommens für Wohnenergie aufgewendet wird. Grünen-Umweltexpertin Bärbel Höhn kritisierte die Regierung, die tatenlos zusehe, wie jedes Jahr mehr Haushalte in diese Falle geraten; ohne Maßnahmen zur Energieeinsparung sei angekündigte „Bündnis für bezahlbares Wohnen“ zum Scheitern verurteilt.

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