Ob Einwanderer oder Ökostrom: Wir sind alt und ängstlich

Wir leben in einer ängstlichen Welt. Wer sich öffentlich zu Wort meldet, tendiert zu Vorsicht, Protest  und Pessimismus. Statt Verantwortung werden Bedenken getragen. Der Rest schweigt: Den einen fehlt das Interesse, den andern die Bildung, vielen fehlt beides. Bedenken könnten das politische Kennzeichen sein für alternde Wohlfahrtsstaaten. Wohlfahrt richtet die Menschen auf Bewahren aus. Bloß nicht die Rente riskieren. Warum sollen wir dem Fortschritt vertrauen – außer dem medizinischen Fortschritt? Die Bedenkenträger wollen keine Stromtrassen mehr, verweigern neue Industriebetriebe und Bahnhöfe und lehnen Ausländer ab. Hin und wieder gelingt es den grauen Bremsern sogar, mit einfachen Botschaften die Nichtswisser und Nichtswoller aus der Reserve und auf die Straße zu locken. Wie jetzt in der Schweiz. Wenn es den Verantwortlichen in Regierungen und Wirtschaft nicht gelingt, diesen Trend zu brechen, werden mit den Menschen auch die Staaten alt und älter.

Wer kann es ihnen verdenken, den heute über 50-Jährigen, dass sie sich um wenig mehr Sorgen machen als um ihre Gesundheit, Wellness und Bioladen, eine sichere Rente und dass alles so bleibt wie es ist? Die dringend erforderlichen Veränderungen müssen von anderen ausgehen: von denjenigen, die von Berufs wegen dafür verantwortlich sind, eine Nation fit zu halten – zukunftsfähig –, und von denen, die ihr Leben als Beschäftigte und Beitragszahler noch vor sich haben.

Zweimal Fehlanzeige: Die Jugend richtet sich auf ein Leben in Vollbeschäftigung ein, in dem Arbeit und Freizeit ausgeglichener sein sollen als bei den Eltern. Also nicht viel anders als Mutter und Vater, als die noch am Anfang ihres Berufslebens standen. Allerdings haben die Eltern sich damals noch mit Politik befasst und hätten den Alten die Enteignung nachfolgender Generationen wohl nicht so leicht gemacht.

Und die Politiker und Wirtschaftslenker? Die haben sich ganz auf ihre neue Zielgruppe eingestellt in dem Jahr, in dem der geburtenstärkste Jahrgang, der Jahrgang 1964, 50 wird. Immerhin ist die Hälfte der Bevölkerung schon älter als 45 – was Deutschland zur ältesten Nation Europas macht. Diese Zielgruppe kauft nicht nur die teureren Neuwagen und irgendwie als „Bio“ zertifizierte Lebensmittel, sie wählt auch am eifrigsten – hier haben SPD und Union die höchsten Stimmenanteile. Kein Wunder, dass die beiden alternden Volksparteien (die Hälfte ihrer Mitglieder ist über 60) Rentengeschenke verteilen.

Aber das genügt nicht zur Beruhigung. Ob Stuttgarter Hauptbahnhof, neue Stromtrassen oder andere Anlagen für die Energiewende – der Protest ist laut und grau. Diese Demonstranten sind nicht gegen Fortschritt, Investitionen und Ökostrom – aber gegen jede Veränderung vor der eigenen Haustür. Die Jugend schweigt, der aufmüpfige Rest von Parteijugend wird zurückgepfiffen.

Es würde mich nicht wundern, wenn die Analysten in der Schweiz genau auf dieses Senioren-Phänomen stoßen. Indizien gibt es bereits: Die (jungen) dynamischen Städte mit hohem Ausländeranteil stimmten für Freizügigkeit; die ländlichen Gegenden stimmten dagegen, auch wenn der Ausländeranteil niedrig ist. Die alte Schweiz will ihre Ruhe, die dumme Schweiz hat Angst, die junge Schweiz ist in der Minderheit.

Wenn es nicht gelingt, den Jüngeren klar zu machen, dass sie bei sinkendem eigenem Wohlstand dazu vorgesehen sind, einer Senioren-Majorität den Lebensabend zu finanzieren, und wenn es nicht gelingt, den aktiven Alten ihre Verantwortung für nachfolgende Generationen bewusst zu machen, bewegen wir uns  in eine Welt, die an den Bedürfnissen von Rentnern orientiert ist. Und aus der die Leistungsträger fliehen. Das Grauenland.

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