Facebook sieht alt aus, das Netz wird intim – Webwelt 2013/14

Das Internet ist mobil geworden - und damit ein bisschen intimer. Messengerprogramme wie WhatsApp überholen Plattformen wie Facebook. Foto: © nenetus - Fotolia.com

Zu Beginn des vergangenen Jahres hatte es noch so ausgesehen, als würde die bis dahin chaotische, fluide digitale Welt eine Ordnung bekommen. Mit Facebook als dominierender Gemeinschaft, Google als Welt(ge)wissen und Weltbetriebssystem, Amazon als Weltkaufhaus und der für Journalisten und Verleger tröstlichen Erkenntnis, dass sich Nachrichten auch online verkaufen lassen. Leider haben nicht viele dieser Gewissheiten den Beginn des neuen Jahres erlebt.

Facebook, das Weltwunder, das gierige Netz im Netz, das VZ und WKW überrollt hat, sieht inzwischen selbst alt aus. Seit Oma und Opa angefangen haben, ihren Enkeln die virtuelle Freundschaft anzutragen, verabschiedet sich die Jugend aus der Gemeinschaft; das Gesichtsbuch hat Falten bekommen.

An seine Stelle als Vorreiter und aufsteigender Stern sind innerhalb eines Jahres Angebote getreten, die noch besser die Gewohnheiten der nachwachsenden Internetgenerationen abbilden – das sind jene jungen Menschen, die ununterbrochen, wie unter einer schweren Last gebeugt auf das Display von Handy, Smartphone oder Phablet starren und mit den Daumen schreiben. Dieser rasant wachsenden Zielgruppe ist WhatsApp wie auf den Leib geschrieben – inzwischen auch in Deutschland die führende App. Die hat nichts mehr zu tun mit dem noch irgendwie publizistischen Ansatz von Facebook und Google+ (chatten statt posten). WhatsApp hat die Idee der SMS aufs Internet übertragen – und das Vorbild damit quasi abgelöst; hier plaudert man unter sich, tauscht Fotos und Filmchen aus, organisiert sich ruckzuck in Gruppen, die sich ebenso schnell wieder auflösen. Scheinbar immer unter sich bleibend; die Sicherheitslücken der App werden ausgeblendet.

Wie überhaupt das Thema Sicherheit trotz der NSA-Schnüffel-Affäre die digitalen Massen nur um wenige Pixel bewegt. Der Mehrheit der Internetnutzer genügt offenbar der Anschein von  Intimität, um sich grenzenlos sicher zu fühlen – Hauptsache, die Freunde sind in der Nähe. Deshalb ist die viel sicherere WhatsApp-Variante Threema nach wie vor ein Geheimtipp (und wird es leider wohl auch bleiben). Wettbewerb im Messengermarkt kommt eher aus Japan (Line) oder von den mobilen Veteranen Twitter und Instagram – aber ob deren Reaktion auf die Messenger (Twitter erlaubt Fotos in direct messages, Instagram lässt persönliche Nachrichten zu) rechtzeitig war, bleibt abzuwarten. Ich bin gespannt, wie die professionellen Nachrichtenlieferanten auf WhatsApp & Co. reagieren. Da bieten sich viele Chancen, aber bisher entdecke ich nicht mehr als hier und da das Angebot, Online-News auch via WhatsApp zu teilen.

Noch verrückter in Sachen scheinbare Intimität kommt der Messenger Snapchat aus den USA daher. Hier sind die Mitteilungen und Bilder im Sinne des Wortes flüchtig – sie werden gleich nach dem Konsum gelöscht (was junge Nutzerinnen und Nutzer massenhaft dazu verleitet, höchst intime Fotos zu versenden – und auf der anderen Seite clevere Programmierer anspornt, dennoch alles zu speichern).

Gegen diesen Trend weg vom öffentlichen Post hin zu Intimität, Eile und Flüchtigkeit behauptet sich das in Deutschland lange unterschätzte Pinterest. Die Fotoalben haben sich vor allem beim weiblichen Publikum durchgesetzt, und sie bewähren sich als höchst viral (die meisten der so genannten Pins sind Re-Pins) und als Klick-Lieferanten. Jetzt soll noch die Textkomponente gestärkt werden, um höherwertige (journalistische) Inhalte anzuziehen. Das könnte neue, spannende Erzählformen hervorbringen.

Ja – über Storytelling ist auch zu reden. Die journalistische Internetgemeinde hat einige bewundernswerte neue Varianten hervorgebracht – aber die sind noch nicht im Alltag angekommen. Zu viel Aufwand, zu wenig Multimedia in den meisten Redaktionen. Hinter den eifrig errichteten Bezahlschranken bieten sich dem Publikum in aller Regel keine Aha-Effekte, sondern exakt das, was vorher verschenkt wurde. Kein Wunder, dass die Einnahmen aus dem digitalen Inhalteverkauf noch extrem überschaubar sind (es sei denn, man vermischt in der Bilanz so geschickt journalistische mit Service- und Handelsangeboten wie Springer).

Wo die Reise 2014 hin geht, ist nicht weniger unklar als der Verlauf der Entwicklung im vergangenen Jahr. WhatsApp und Co werden garantiert wachsen und sich heftige Schlachten untereinander (WhatsApp gegen Line) und mit den etablierten, renovierten Diensten liefern. Vieles spricht dafür, dass die Kurzfilmchen-Plattformen weiter um sich greifen – auch weil Twitter und Instagram dem Vorbild der Twitter-Snippet-Tochter Vine gefolgt sind, und Facebook massiv in die Werbung mit Bewegtbild einsteigt. Es bewegt sich auch einiges bei den langen Filmen; die Google-Tochter YouTube macht zusammen mit Vimeo und Video-on-demand-Anbietern wie Netflix, Hulu oder Watchever gegen das lineare Fernsehen Boden gut. Immer häufiger ersetzt das Tablet, das seine Wohnzimmerkarriere als Zweitmonitor (second screen) begonnen hat, den Fernseher vollständig.

Auch wenn diese Trends nur langsam verlaufen – sie haben die Macht, Branchen zu verändern, auch solche, die ihren Frieden mit dem Web gemacht hatten – wie die Musikindustrie. Zum ersten Mal ist seit der Erfindung von iTunes 2013 in den USA der Verkauf digitaler Alben und Tracks gesunken – während (werbefinanzierte) Streamingdienste wie Spotify aufblühen. Der Wandel ist längst noch nicht abgeschlossen.

Das gilt auch für die Endgeräte – sie rücken uns demnächst noch näher auf die Haut, messen Puls, Temperatur, Stress und Beweglichkeit und geben Ernährungstipps – mit freundlichen Empfehlungen Ihrer Krankenkasse. Brillen, Büstenhalter, Uhren, Schmuck – alles wird vernetzt und scannt sowohl die Umgebung als auch das Verhalten ihres Trägers.

2014 werden wir wohl weiterhin vergeblich auf mehr Ordnung und Zuverlässigkeit warten; auch 2014 werden sich viele Erfolgsmeldungen bei genauer Betrachtung als geschönt oder getrickst erweisen, mancher Hype als Lachnummer enden. Da bleibt nur, neue Angebote vorurteilsfrei zu betrachten und nicht überheblich, sondern aus der Sicht des Publikums zu bewerten. Längst ist ja nicht mehr die neue Plattform allein überraschend, sondern eher das, was das Publikum daraus macht. Dies vorherzusagen und schnell mit den passenden eigenen Angeboten dabei zu sein, ist das künftige Erfolgsgeheimnis.

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