Strompreis: ein bisschen Wendewende oder Katastrophe?

Wenn es nur mehr davon gäbe. Leider baut die Energiewende auf Sonne und Wind und ist entsprechend wetterwendisch. Und teuer.

„Geben ist seliger als nehmen“, weiß schon die Apostelgeschichte. Bundesenergie-(und Wirtschafts-) Minister Vizekanzler Sigmar Gabriel bekommt gerade mit Macht zu spüren, wieviel Weisheit in dem Bibelspruch liegt. Er muss einer an großzügige Gaben gewöhnten Branche die Vertreibung aus dem Subventionsparadies verkünden. Das macht er nicht mal schlecht für den Anfang. Denn der Umbau der Energiewende ist im Kern die Korrektur einer gewaltigen Umverteilung: Etwas von dem, was den Stromkunden über die Jahre Cent für Cent aufgelastet worden ist (von 0,41 Cent im Jahr 2003 auf heute 6,24 Cent), soll der Ökostrom-Industrie künftig vorenthalten werden. Zwar sieht jeder ein, dass es sich um eine dringend erforderliche Reparatur handelt, aber keiner will die Rechnung bezahlen.

Mehr als 23 Milliarden Euro bringen die deutschen Stromkunden in diesem Jahr für die Energiewende auf (2003: unter zwei Milliarden). Und das ist nur die Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Sie ist zwar der größte, aber längst nicht der einzige Wendekostenpunkt. Die Stromkunden bezahlen den Umbau der Übertragungsnetze, finanzieren das Risiko beim Bau von Windparks im Meer und die Bereitstellung herkömmlicher Kraftwerke für den Fall von Flauten. Und sie zahlen drauf, wenn die Sonne scheint und der Wind besonders kräftig bläst: dafür, dass Windräder vom Netz gehen und Nachbarländer unseren Stromüberschuss gratis verbrauchen.

Dabei war alles so gut gemeint. Als Hilfe. Schließlich kommt das Wort Subvention von „subvenire“, was im Lateinischen heißt: zu Hilfe kommen. Der Staat wollte den Erneuerbaren auf die Beine und dem Klima gegen die Erwärmung helfen. Und – was leider in der Diskussion viel zu kurz kommt – er wollte die kaufmännische und politische Abhängigkeit von den Öl- und Gaslieferanten verringern.

Wer so etwas bewerkstelligen will, bedient sich gerne des Instruments der Subvention – als einer fetten Wurst, nach der der Hund schnappt. Und wie er schnappte. Zuerst nach der Wurst, jetzt nach der Hand. Der Erfolg macht die Schwächen der EEG-Förderung sichtbar: Preisgarantie über Jahrzehnte ohne Deckel. Immer mehr energieintensive Unternehmen werden verschont – deren Rechnung übernimmt der Rest der Stromkunden. Immer mehr Stromverbraucher steigen als Selbstversorger aus dem EEG-Zirkus aus, der aber dadurch nicht billiger wird. Vor allem: Viel zu spät wird darüber nachgedacht, wie man den Strom aus Sonne und Wind für Flauten speichern kann. Stattdessen leistet sich Deutschland zwei Stromerzeugungswelten nebeneinander. Wenn die Natur nicht genug liefert, springen Kraftwerke ein (immer häufiger: Braunkohle). Und wenn zu viel Strom im Netz ist, wird er ins Ausland verschenkt.

Inzwischen kostet die Energiewende die Stromkunden nicht mehr „ein Bällchen Eis“ pro Woche, wie es der Grüne Trittin mal versprochen hat, sondern ein Bällchen Eis pro Tag. Und die gewerblichen Stromkunden, die nicht von der Zulage befreit sind, klagen zu Recht über die höchsten Strompreise weit und breit.

Das ganze schöne Geld – inklusive der Investitionen in Solar- und Windradunternehmen – war natürlich nicht nur Last. Sondern auch Lust. Es ist ja nicht verloren, sondern hat lediglich den Besitzer gewechselt. Subventionen dieser Größenordnung erzeugen ganze Heerscharen von Nutznießern: Großgrundbesitzer, Hauseigentümer, Ökoverbände, Installateure und natürlich die Investoren, die etliche Wellen der billigen Euro-Rettungs-Flut in die Erneuerbaren gelenkt haben.

Sie alle wehklagen jetzt. Weil ein bisschen gebremst wird. Wir Stromkunden werden das Bremsen kaum spüren, weil die Lasten, die wir heute schleppen, auf Jahre fixiert sind. Und die Entlastung, generiert durch weniger Industrie-Ausnahmen, aufgefressen wird vom aktuellen Zubau von Erneuerbaren und der anstehenden Beihilfe für konventionelle Kraftwerke im Notbetrieb.

Warum dann der Aufschrei? Weil es etwas unbequemer wird. Für die Investoren, die in den vergangenen Jahren ohnehin teilweise mit unglaublichen Renditen geworben haben, und die in Zukunft mit kleineren Gewinnen kalkulieren müssen. Für die vielen Kommunen, die jetzt erst angefangen haben, Windparks auszuweisen, um mit Pacht- und Betriebseinnahmen die leeren Kassen aufzufüllen. Für die Bundesländer, die sich aus politischen, ökologischen und/oder ökonomischen Gründen auf die Erneuerbaren festgelegt haben und inzwischen in einen recht abstrusen Wettstreit untereinander um das Geld der Stromkunden streiten.

Sie alle jammern über die Korrekturkatastrophe und fordern von Gabriel, dass er sein bisschen Wendewende zu ihren Gunsten und der anderen Lasten verändert. Dabei hat er nicht mehr getan, als man von einem Helfer erwartet: Dass er sich langsam zurückzieht, wenn keine Hilfe mehr nötig ist. Windräder produzieren an guten Standorten die Kilowattstunde Strom für wenig mehr als 4 Cent – das ist günstiger als ein Gas- oder Steinkohlekraftwerk und erreicht fast den Dumpingpreis von Braunkohle-Kraftwerken mit billigen Emissionsrechten. Große Photovoltaikanlagen liegen inzwischen bei 10 Cent.

Wohin ungebremste Förderung führt, ist ja gerade in der Ökostrombranche hinlänglich zu besichtigen. Vom Photovoltaik-Boom der vergangenen Jahre haben ausländische Hersteller Jahr für Jahr mehr profitiert und die einheimischen Sonnengötter abgelöst. Die deutschen Produzenten waren schlicht nicht mehr konkurrenzfähig. Da halfen auch die Subventionen nicht. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung hat Ende 2009 ausgerechnet, dass jeder Arbeitsplatz in der Solarindustrie im Jahr 2008 mit 175.000 Euro gefördert wurde – ohne Entlasungen und Pleiten zu verhindern. Da scheint es lohnender, die Förderung auf die Hälfte zu verringern und den Betroffenen direkt zu überweisen.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Ökonologie abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.