NSA-Skandal: Dank, Edward Snowden, für all die Enttäuschungen

Trotz all der ernst gemeinten, vorgetäuschten, politisch motivierten, scheinheiligen und ehrlichen Empörung: Die Geschichte um den NSA-Abhörskandal und seinen in russischer Freiheit gefangenen Helden Edward Snowden verläuft aus deutscher Sicht ruhig – also irgendwie an Deutschland vorbei. Das ist die neueste der vielen Enttäuschungen, die wir diesem Skandal zu verdanken haben. Ja, richtig: verdanken.

Denn für Enttäuschungen muss man dankbar sein, im Sinne des Wortes „Ent-Täuschung“. Ent-Täuschungen befreien uns von einer Täuschung, wie ein Entkalker den Kalk auflöst. Und was haben wir uns doch getäuscht.

In erster Linie haben wir uns in den Amerikanern getäuscht. Dachten, sie sind unsere Freunde. Hatten Bilder im Kopf von Rosinenbombern und Schokolade verteilenden Soldaten. Wir Romantiker. Für die Amerikaner sind die Europäer politische Pygmäen und ihre Anführerin eine sozialistisch sozialisierte Sparkommissarin. Verbündete da, wo Amerika einen Nutzen hat. Feinde da, wo man sich als Konkurrenz begegnet – zuletzt zu erleben beim Wutausbruch über deutsche Exporterfolge. Taugen wir noch als Verbündete? Spätestens seit dem deutschen Nein zum Irakkrieg gilt die führende Wirtschaftsnation des alten Kontinents schlicht als unzuverlässig. Soviel Wankelmut tut selten gut und wird mit Spionage bestraft. Wer glaubt da noch, aus lauter Freundschaft würden sich die Amerikaner an ein Anti-Spionage-Abkommen halten?

Wir haben uns in den eigenen Geheimdiensten getäuscht, die kräftig von der amerikanischen Datensammelwut profitieren. Sie hätten doch darauf hinweisen müssen, dass alle Deutschen abgehört und quergelesen werden; sogar die Kanzlerin. Fehlanzeige. Deshalb wird sich der Untersuchungsausschuss eher nicht mit dem NSA-Skandal an sich befassen. Das wollen wir den amerikanischen – ähhhh – Freunden? Verbündeten? Guten Bekannten? – nun doch nicht zumuten (sonst müssten wir demnächst am Ende noch selbst Horchposten schieben). Der Untersuchungsausschuss wird ermitteln, ob die beiden deutschen Geheimdienste wussten, dass die Kanzlerin abgehört wurde – und nichts gesagt haben. Oder ob sie von den amerikanischen Schlapphut-Kollegen hinters Licht geführt wurden. Der Ausschuss wird also wählen wollen, welchen Schwarzen Peter sie unseren Geheimdienstlern hinschiebt.

Bis dahin wird es ein Anti-Spionage-Abkommen geben (nach dem zu feiernden Motto: Verfassungsrechte werden jetzt auch bei Freunden respektiert), das aber für wenig Aufsehen sorgen wird, weil sich der gemeine Internetnutzer auch über die Spionage nicht aufregt. Und das ist für mich die größte Enttäuschung. Wie bitteschön soll denn unsere Volksvertretung überzeugend für mehr Datenschutz kämpfen, Milliarden Euro locker machen für mehr eigene Infrastruktur und deutsche Internet-Sicherheit? Wie sollen Gesetze verschärft werden gegen Datenklau und Durchleuchtung und Digitalisierung durch Internetriesen wie Google und Amazon und Facebook, wenn die Damen und Herren Opfer sich überhaupt nicht betroffen fühlen?

Die digitale Gesellschaft scheint sich zu spalten in jene, denen die persönliche, wie zufällig genau passende Buchungsempfehlung vom Internet-Reisebüro keine Angst macht, und die sich sorglos in sozialen Netzen ausziehen lassen bis auf die Haut – und jene, die sich langsam von ihrem einstigen Posten als Vorhut der digitalen Bewegung zurückgezogen haben, inzwischen als Mahner hinter den Linien predigen und gerade überlegen, ob sie aus dem Internet desertieren sollen.

 

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