#Merkelgate und Datenschutz: Wir Volk von Avataren

Es ist bezeichnend für unseren Umgang mit der modernen Kommunikation und ihre völlige Transparenz, dass die Ausspähung des Kanzlerinnen-Telefons ein Skandal ist, die Überwachung des gemeinen Volkes jedoch ein Kavaliersdelikt. Als sei Privatsphäre interpretierbar. Als seien Verfassungsrechte abhängig vom persönlichen Status. Die aktuelle Empörung greift gleich in zweierlei Hinsicht zu kurz: Wirksamer Datenschutz muss allen dienen und nicht nur vermeintlichen Geheimnisträgern. Und er muss uns nicht nur vor befreundeten und feindlichen Spionen schützen, sondern auch vor unseren Lieferanten. Und vor uns selbst.

Vertrauen schützt vor Spionage und Datensammelwut. Denn einander vertrauen, das bedeutet vertraut sein miteinander. Wer vertraut ist mit einem Menschen, kennt ihn gut. Uns vertraute Personen sind berechenbar. Wo Vertrautheit und damit intime Kenntnis fehlen, entsteht – richtig – Misstrauen. In der Politik hat Vertrautheit keinen Platz mehr – noch schneller als das Führungspersonal wechseln die politischen Leitlinien. Vertrautheit kann so nicht entstehen. Kaum denkbar, dass die deutsche Einheit heute noch zu bewerkstelligen wäre – mit Merkel, Hollande und Putin statt Kohl, Mitterrand und Gorbatschow.

Vertrautheit ist aber nicht nur aus der Politik verschwunden, auch aus dem Alltag zieht sie sich zurück. Die Stelle der Vertrauten haben flüchtige Internet-Freunde eingenommen, statt des vertrauten Verkäufers empfehlen Algorithmen neue Bücher und Kleidungsstücke.

Die Vernetzung der Welt macht es leicht, tief in die Privatsphäre der Mitmenschen einzudringen und ein digitales Profil zu schaffen. Bedenkenlos vertrauen wir den sozialen Netzwerken wie alten Freunden, sorgenfrei lassen wir zu, dass Suchmaschinen und Versandhändler speichern, was wir klicken, und diese Daten abgleichen mit den Spuren von Punktesammelkundenkarten. Dank der Mobiltelefone bekommen die digitalen Spuren auch eine räumliche Zuordnung, und es genügt ein kleines, aus Unachtsamkeit geladenes Virus, um aus dem Handy eine Wanze zu machen.

Gelegenheit macht Diebe. Die Datenströme mit ihren vielfältigen Möglichkeiten locken die Datendiebe – jene in den Geheimdiensten und jene in den Warenhäusern. Die einen kundschaften Freund und Feind aus, die anderen ihre lieben Kunden. An die Stelle der persönlichen Vertrautheit tritt ein elektronisches Abbild. Die Warenhäuser schaffen sich Avatare ihrer Kunden, und sie wollen alles von ihnen wissen, um ihre (Kauf-)Entscheidungen genau zu prognostizieren. Deshalb verfolgen sie uns digital auf Schritt und Tritt. Unser Avatar wird gehegt und gepflegt, er ist viel wichtiger als wir lebendigen, analogen Kunden – denn Amazon & Co kennen nur den Avatar. Nicht uns. Einen Unterschied könnte nur der Paketbote feststellen.

Was der Online-Industrie recht ist, ist den Geheimdiensten und ihren Auftraggebern billig. Den Amerikanern sind weder die Deutschen und ihre Kanzlerin noch die Franzosen oder Spanier vertraut. Aber in ihrer Hybris, befeuert durch den Krieg gegen den Terror und ihre Techniküberheblichkeit, ersetzen sie Vertrautheit durch Analysen, Kaminrunden durch Lauschangriffe. Sie raffen Daten und schaffen Avatare des deutschen Volkes und seiner Regierung als Ersatz für persönlich erworbene Kenntnisse und verdientes Vertrauen. Es lebe der Algorithmus.

Was nun? Vertrautheit wird ein Auslaufmodell bleiben, ein nostalgisches Gefühl, das mit der Eckkneipe und Tante Emma verschwindet. Aber es sollte uns gelingen, die Avatar-Bastler und Datenräuber zu bändigen; dann war die Aufregung um #Merkelgate nicht vergebens. Wie das geht? Die Internetplattformen zwingen, alle persönlichen Daten nach kurzer Frist zu löschen. Den geheimen Datenaustausch der Anbieter untereinander offen legen und auf Wunsch unterbinden. Wer in Deutschland online Geschäfte machen will, muss sich deutschem Recht unterwerfen. Ein eigenes europäisches Inter-Netzwerk würde die US-Datendiktatur erschweren. Ganz entzückend, allerliebst und goldig wäre ein Anti-Spionage-Abkommen – für die Hoffotografen. Aber es wäre garantiert wirkungslos. Wer Grundrechte missachtet, lässt sich doch von so etwas nicht bremsen. Wirkungsvoller, liebe Bundesregierung: Im abhörsicheren Keller tagen statt auf der Dachterrasse. Und vorher die Handys und Tablets abgeben. Am besten: Akku raus. Aber das geht ja nicht mehr …

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