Geld und Zinsen: Die Süchtigen werden mit Drogen behandelt

Wachstum - dafür fluten die Notenbanken die Finanzmärkte der Welt. Aber was wächst? Reale Werte oder Spekulationsgewinne?

Man stelle sich vor, die Pflegerinnen und Pfleger einer Entzugsklinik verteilten zum Abendessen Bier, Wein, Schnaps und Joints. Was da innerhalb einer Stunde los wäre. Genau das ist gerade an den Finanzmärkten passiert: Die US-Notenbank bleibt der laxe Dollar-Dealer. Dabei hatten die süchtigen Zocker sich schon auf einen (wenn auch sehr behutsamen) Entzug eingestellt; aber was bekommen Sie? Frischen Stoff in Massen. Kein Wunder, dass der Dax durch die Decke schießt und auch die übrigen Börsen fröhliche Urständ (abgeleitet vom althochdeutschen Wort für Auferstehung) feiern. Die Party geht weiter, aber den Kater spüren wird schon.

Geld gibt es (fast) gratis. Während die Staaten dabei sind, sich in ruinöser Sparsamkeit selbst zu entmannen, pumpen sie Milliarden in die Finanzmärkte. Zum Nulltarif. Investitionen in Straßen, Schienen, Schulen und Sozialleistungen werden gestrichen, die Zockerwelt ersäuft in Euros und Dollars. Das hat die Probleme eine Weile zugedeckt. Aber es ist wie in der Entzugsklinik: Je länger die Party dauert, umso schwieriger wird das Aufhören.

Denn inzwischen sind nicht nur die Zocker abhängig, sondern auch die Pfleger. Schneller als es der Geldpolitik lieb sein konnte, hat sich die Finanzwelt auf den unendlichen Strom frischen Geldes aus der digitalen Druckerei eingestellt. Natürlich kommt nur ein Tropfen an bei den Mittelständlern, um neue Hallen zu bauen und Maschinen zu kaufen – und wenn, dann nur mit saftigen Aufschlägen. Und die Dispozinsen sehen aus, als hätten EZB und FED ihre Raten nie gesenkt. Hier unten wird der Geldstrom zum Rinnsal.

Die Masse des Geldes geht in die Spekulation. Nur ein Beispiel: US-Dollars und Euros haben in den vergangenen Monaten die Börsen der Schwellenländer befeuert. Wohl gemerkt: die Börsen (dass Unternehmen wachsen, bloß weil ihr Aktienkurs nach oben spekuliert wird, ist kaum zu erwarten). Kaum wird ein Ende der Nullzinspolitik angedeutet, ziehen die Zocker ab. Und zurück bleibt in Indien, Mexiko und bei den anderen angeblichen Hoffnungsträgern, was vorher war: Marode Infrastruktur, korrupte Verwaltungen und Unternehmen mit wackliger Perspektive. So ist das mit Zockerei im globalen Ausmaß: Sie zündet mit Geld Feuerwerke – aber wenn die Böller verstummt und die Raketen verglommen sind, wird es wieder düster.

Höchste Zeit, dass die wichtigste Grundregel wieder zur Geltung gebracht wird: Geld arbeitet nicht, Geld muss verdient werden.

Aber das scheuen die Finanzmärkte, die nicht mehr mit Arbeit und Werten umgehen, sondern mit Spekulationen. Sie lieben die Bündel aus der Druckerpresse der Notenbanken. Dass sich dabei schon wieder neue Blasen bilden? Egal! Dass die Spekulation mit Essen und Ackerland Millionen Menschen in den Hunger treibt? Was soll’s! Und die Geldpolitik spielt mit. Sie fürchtet die Spekulanten, die sie selbst mit ihren Milliarden so mächtig und sich selbst von ihnen abhängig gemacht hat. Am Ende nehmen sie die zu erwartende Inflation sogar in Kauf – als eleganten Weg, die Staatsschulden abzubauen. Aber das ist böse gedacht. Oder?

Inzwischen profitieren die Geldmärkte sogar von der vagen Ankündigung, die laxe Geldpolitik könnte irgendwann vorbei sein. Wer Kredite braucht, wird am langen Ende des Angebots bereits mit Aufschlägen belegt – die Zinsen auf Unternehmenskredite und Hypotheken springen nach oben, obwohl die Notenbanken noch kein Zehntel Prozent aufgeschlagen haben. Am kurzen Ende müssen sich die Sparer aber immer noch mit Nullkomma zufrieden geben und zuschauen, wie die Inflation die Ersparnisse frisst. Für die Geldmärkte ist die Welt in Ordnung, in der Entzugsklinik ist die Hausbar geöffnet. Und das ist eine schlechte Nachricht von der Wallstreet.

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