Wir Essensverschwender: Unser täglich Brot landet im Müll

Das sind wir gewöhnt: überquellende Mülleimer. Leider werden nicht nur Verpackungen weggeschmissen, sondern auch Lebensmittel. Jeder Deutsche vernichtet so gut 80 Kilogramm Essen pro Jahr. Das kostet eine vierköpfige Familie um die 1000 Euro. Weltweit trägt die Verschwendung dazu bei, dass Nahrungsmittel immer teurer werden.

Was kümmert es uns in einem Land, in dem stets an jeder Ecke ein Supermarkt mit vollen Regalen und überquellenden Tiefkühltheken steht, was kümmert es uns, dass mindestens ein Viertel der weltweiten Ernte im Müll landet? Wir kriegen ja die Sahnestückchen – im Sinne des Wortes und im übertragenen Sinn. Es sollte uns sehr kümmern. Keine Sorge: Hier wird nicht auf die Moral- und Mitleidstour eingebogen, wie man sich diese Verschwendung leisten kann angesichts einer Milliarde Hungernder in der Welt und etwa einer weiteren Milliarde, die mangelernährt sind. Das Thema sollte uns Satten und Übergewichtigen Sorgen bereiten, weil es auch uns trifft. Schon heute.

Es liegt eine große Entfernung zwischen dem Nahrungsmittel, das auf Feldern und Plantagen geerntet, das gefischt, gemästet und geschlachtet wird, und dem, was bei uns auf den Tisch kommt. Und diese Entfernung ist nicht (nur) geografisch. Zwischen den Bauern und der Tiefkühltheke bewegt sich eine weltweite, von einer Handvoll Konzernen beherrschte Essensindustrie. Sie macht aus der Ernte eine Massenware. Der Unterschied zwischen Erntedank und Lebensmittel wird größer. Dahinter steckt nicht das Bestreben, möglichst gesundes und vielfältiges, leckeres Essen auf den Tisch zu bekommen. Nein! Was die Industrie herstellt, hat mit der Natur immer weniger zu tun. Manchmal nichts mehr. Es geht darum, dass Obst und Gemüse weltweite Transporte übersteht und dann noch Monate im Supermarkt liegen kann, ohne dass es so aussieht, wie es normal wäre: verlottert. Es geht darum, Fertigprodukte anzubieten, die in Minuten gekocht oder gebacken sind, und von denen nicht einmal der Hersteller sagen kann, ob sie Rind, Känguru oder Pferd enthalten. Den Geschmack liefern Aromastoffe; was nach Erdbeeren schmeckt, muss nie eine Erdbeere gesehen haben, allenfalls Sägespäne. Die gesamte deutsche Erdbeerernte würde nicht einmal für den Erdbeerjoghurt langen.

Die Späne fallen da, wo gehobelt wird. Und es wird eine Menge „gehobelt“ bei der industriellen Fütterung von Millionen. Die Schwellen- und Entwicklungsländer, die an ihren Hungernden vorbei Millionen Tonnen Essen in die reichen Nationen liefern, können die Ernten oft nicht bewältigen, weil die Kühl- und Transportinfrastruktur nicht Schritt hält mit den Vertretern der Saatgut-Dealer (deren Saat immer nur eine Ernte zulässt, weil die Früchte genetisch so verändert sind, dass sie als Saatgut nicht taugen). Die Hälfte der Vergeudung geschieht am Ursprungsort.

Die andere Hälfte fällt u.a. den weltweiten Transporten zum Opfer – was aus den Containern kommt, wird mit den Augen der wohlhabenden Verbraucher betrachtet und gnadenlos sortiert: Aber nicht Töpfchen oder Kröpfchen, sondern Großmarkt oder Müll. Das Sortieren geht im Supermarkt weiter, wo uns nur die schönsten Rotbäckchen unter den Äpfeln anlächeln dürfen – und natürlich in der Industrie, wo die Feineinstellungen der Fließbänder hohe Ansprüche an die Zutaten stellen. Die Wurst- und Käsehobler der Pizzabackfabriken verdauen nur genormte Zutaten.

Und am Ende der Vergeudungskette stehen wir. Die Universität Stuttgart hat es erforscht: Die Deutschen werfen pro Jahr elf Millionen Tonnen Essen weg – vier Millionen Tonnen landet in den Mülltonnen der Gastronomie und dürfen nicht mal mehr als Schweinefutter verwendet werden. Sieben Millionen Tonnen kommen bei uns daheim in die braune Tonne. Gut 80 Kilogramm pro Kopf und Jahr, ein halbes Pfund pro Tag – das Volumen eines durchschnittlichen Frühstücks.

Abgesehen davon, dass das Essen, das im Hausmüll landet, einen Vier-Personen-Haushalt fast 1000 Euro im Jahr kostet. Die weltweite Verschwendung hat noch andere Kosten: Bei Herstellung und Transport der Wegwerf-Nahrung entstehen 3,3 Milliarden Tonnen Kohlendioxid, die unser Klima belasten (Autos, Heizungen, Kraftwerke, Fabriken aus ganz Deutschland stoßen zusammen pro Jahr nur ein Drittel davon aus). Und es werden 250 Kubikkilometer Wasser verbraucht – aus der Quelle auf den Müll. Dazu müsste der Rhein fast dreieinhalb Jahre auf die Felder geleitet werden. Und das häufig in Ländern, in denen die Bevölkerung nicht einmal zuverlässig mit Trinkwasser versorgt wird.

Was uns das angeht? Die Vergeudung kostet Geld: fast 600 Milliarden Euro, schreibt die UNO-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft in ihrem Bericht. Außerdem werden Nahrungsmittel ohnehin schon knapp – ohne dass wir das, was auf 28 Prozent der weltweiten Ackerfläche geerntet wird, auf den Müll schmeißen: Der Klimawandel verschiebt die Grenzen des nutzbaren Ackerlandes, Bodenspekulanten kaufen Felder in der Größe von Nationen, die Wohlhabenden besänftigen ihr schlechtes Gewissen mit Biosprit, der immer mehr landwirtschaftliche Kapazitäten frisst. Und die Menschen in den Schwellenländern wollen ihren neuen Wohlstand verzehren – im Sinne des Wortes.

Die Folge: Essen wird teurer. Schon sind Lebensmittelpreise der Haupttreiber der Inflation in Deutschland. Im Juli 2013 lagen die Nahrungsmittelpreise durchschnittlich 5,7 Prozent über dem Vorjahr. So langsam merken das auch wir – obwohl wir nur einen geringen Prozentsatz des Monats-Budgets für Essen ausgeben.

Wer sich diesem Trend entgegen stemmen will, kann morgen damit anfangen: Obst und Gemüse aus der Region kaufen – auf Spargel zur Weihnachtszeit verzichten. Und vor allem: nicht mehr Essen einkaufen als gegessen wird.

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