Veggieday: Verordnungen sind schwer verdaulich

400 Millionen Inder ernähren sich vegetarisch. Aber mit dem Wohlstand kommt der Wunsch, so zu essen wie die Menschen in den reichen Industrieländern. In den Schwellenländern wächst der Fleischverbrauch rasant.

Da haben die Grünen mit ihrem #veggieday schwere Kost serviert – vollwertig, nachhaltig, inakzeptabel. Ihre Idee, den Kantinen einen fleischlosen Tag pro Woche zu verordnen, ist den Deutschen schwer auf den Magen geschlagen. Die Aufregung treibt Boulevard, Stammtische und Lobbyisten der Lebensmittelindustrie gemeinsam auf die Palmen: Was auf den Teller kommt, wollen wir selbst bestimmen. Richtig. Kein Mensch braucht Grünzeug-Verordnungen; der Staat soll sich bitte aus den Speiseplänen heraushalten. Als ob es keine wichtigeren Themen gibt. Andererseits: Es gibt wirklich kaum wichtigere Themen als die globale Ernährung. Und wenn uns das in diesen Tagen bewusst wird, hat diese unglückliche Veggieday-Idee doch noch was Gutes bewirkt. Deshalb hier einige Denkanstöße:

Knapp eine Milliarde Menschen leiden Hunger, weitere zwei Milliarden unter verstecktem Hunger, einer Mangelernährung, die besonders bei Kindern zum Tod führen kann. In Deutschland (und anderen satten Industrienationen) ist die Hälfte der Bevölkerung zu dick. Krankheiten durch Fehl- und Überernährung kosten die Gesellschaft jedes Jahr Milliarden Euro. Dieses im Sinne des Wortes Ungleichgewicht kann sich die Welt nicht mehr leisten. Auch ohne grüne Initiativen wird sich unsere Ernährung ändern.

Essen wird teurer, weil die Nachfrage steigt. Aber wir spüren es kaum, weil nur ein Bruchteil unseres verfügbaren Einkommens für Nahrungsmittel ausgegeben wird – in armen Ländern wie Mexiko hingegen kommt es schon zu Hungeraufständen. Und auch der so genannte Arabische Frühling ist durch steigende Preise für Brot und Getreide befeuert worden.

Der Fleischverbrauch ist einer der Gründe. Die Bauern der Welt ernten heute um die zwei Milliarden Tonnen Getreide (von Reise und Mais über Hafer und Weizen zum Roggen) und getreideähnliche Pflanzen (Hirse, Sorghum, Buchweizen, Amaranth usw) pro Jahr. Das wären für jeden der sieben Milliarden Erdenbürger 2500 Kalorien (kcal) an Nahrungsenergie pro Tag – die Weltgesundheitsorganisation hat ein Minimum von 2200 festgesetzt – und mehr als die von den Vereinten Nationen empfohlene Menge Eiweiß. Rechnen wir noch Obst dazu, Kartoffeln, Ölsaaten und Gemüse, genügen die Kalorien aus Pflanzen locker, um doppelt so viele Menschen zu ernähren wie heute leben.

Aber das Getreide wird nur zum kleinsten Teil direkt verzehrt. Ein Rechenexempel verdeutlicht die Folgen: Die Deutschen nehmen im Schnitt am Tag 2000 kcal aus pflanzlichen Quellen zu sich und 1500 aus tierischen Produkten. Macht also 3500 Kalorien. Klingt bescheiden. Aber in den tierischen Produkten steckt Futter mit einer Energie von 10.500 Kalorien. Unser Verbrauch beträgt also pro Tag 12.500 Kalorien – in Amerika 14.600. Und in Indien 4100 – Tendenz steigend. Denn die Menschen in den aufstrebenden Entwicklungsländern wollen sich so ernähren wie wir. Außerdem wird Getreide in Biosprit verwandelt (40 Prozent der US-Maisernte landet im Tank) – oder wie in Deutschland gleich in Bioreaktoren verstromt.

Die Nachfrage nach Nahrungsmitteln steigt rasant; die Produktion kann da kaum mithalten; die Anbaufläche ist begrenzt, der Klimawandel lässt Felder veröden. Das macht Getreide und Äcker zu Spekulationsobjekten. Jedes Jahr wechseln Felder in Staatengröße den Besitzer – nicht nur in Afrika. Inzwischen sind Preisanstiege auch in Deutschland spürbar – sie prägen bereits die Inflationsrate. Und auf der Suche nach ertragreichen Alternativen finanziert der schwerreiche Google-Gründer Sergey Brin die Herstellung von Fleisch in der Retorte. Igitt.

In den kommenden Jahren werden wir uns also voraussichtlich beim Essen an erhebliche Veränderungen gewöhnen müssen. Gutes Essen wird teurer und Industrieware immer weniger mit der Natur zu tun haben.

Warum nicht heute schon anfangen mit den Veränderungen? Die Hälfte der Deutschen legt doch schon Veggiedays ein. Freiwillig. Überwiegend gut gebildete, gut verdienende Kundinnen und Kunden folgen dem Motto: Lieber weniger essen, dafür aber besser – gekauft beim Metzger und Bäcker um die Ecke. Öko, Bio, fleischarm – das sind mächtige Trends. Die Grünen wollten wohl auf dieses Pferd setzen, haben sich aber in der Wahl der Mittel vergriffen. Eine Chance für die anpassungsfähige Frau Merkel, im Vegetarier-Milieu (sieben Millionen Deutsche) Stimmen zu fangen: Es würde mich nicht wundern, wenn die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende aus ihrem Urlaub die Erkenntnis mitbringt, dass es kein Verzicht ist, hin und wieder vegetarisch zu essen. Freiwillig natürlich. Natürlich freiwillig.

Lese-Tipp: von Brockhaus „Not für die Welt“

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Ökonologie abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.