Handy und Verschleiß: Nicht Mängel, sondern Mode macht Müll

Wenn nur die wirklich defekten Handys im Schrank landen würden, gäbe es garantiert noch kein iPhone 5.

Abfall und Verschwendung halten das Wirtschaftssystem in Schwung – diese Erkenntnis ist nicht neu. Und dass die Hersteller mit dem Defekt planen, hat Vance Packard schon 1960 recht drastisch beschrieben in „The waste makers“, zu Deutsch: „Die große Verschwendung“. Aber anders als die meisten anderen Produkte scheint die Nachricht, dass Geräte geplant kaputt gehen, auch nach Jahrzehnten attraktiv und überzeugend zu sein. Jetzt verbreitet die Stiftung Warentest dazu zwei Binsen: Unternehmen haben schon bei der Herstellung das Lebensende ihrer Waren im Blick. Und: Teurere Produkte halten – meistens – länger als billige.

Über diese zweite Botschaft müssen wir uns nicht lange austauschen. An einer Miele hat der Hausmann länger Freude als an der 150-Euro-Schnäppchen-Waschmsaschine von der Reste-Rampe. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Die erste Feststellung jedoch ist einen zweiten Blick wert. Die Stiftung Warentest hat nämlich das Gegenteil dessen festgestellt, was die Verschwörungstheoretiker des Internet vermuten. Die Stiftung sagt – zusammengefasst: Wir haben bei all unseren Tests noch keine Hinweise dafür gefunden, dass Hersteller absichtlich ihre Produkte schlechter machen, damit sie früher kaputt gehen. Dieser Ansicht sind auch die Verbraucherverbände. Ja: Manche Hersteller liefern Murks. Nein: Das ist keine allgemeine Strategie.

Aber die Hersteller ermitteln die Lebenszyklen ihrer Produkte, um zum richtigen Zeitpunkt mit Nachfolgern am Markt zu sein. Meist ist das Ende des Lebenszyklus aber nicht durch Ausfälle bestimmt, sondern von der Mode. Und zweifelhafte Methoden erleichtern den Kunden den Abschied von manchem Gerät: zum Beispiel, dass der Akku nicht so einfach ausgetauscht werden kann.

Das Problem liegt aber grundsätzlich nicht so sehr bei den Anbietern als bei den Kunden. Beispiel: Handy. Wenn der Mobilfunkanbieter nach zwei Jahren die Vertragsverlängerung mit einem neuen Gerät gegen geringen Aufpreis versüßt, lehnt fast niemand ab. Das neue Telefon reiht sich mit seinen wenigen hundert Gramm ein in die 1,8 Millionen Tonnen neuer Elektrogeräte, die jedes Jahr in Deutschland gekauft werden. Und das „alte“? Das landet nicht etwa in der Wiederverwertung, sondern im Schrank – wie 83 Millionen weitere Handys (Stand 2011, Bitkom). Und die funktionieren fast alle noch. Zwei Drittel der (wenigen) Handys, die im Recycling landen, sind noch voll einsatzbereit.

Was für das Handy gilt, diktiert auch die Lebensdauer von Fernsehgerät, Digitalkamera oder Computer. Ich gestehe, noch nie einen Rechner, Monitor oder Drucker aus dem Verkehr gezogen zu haben, weil er völlig kaputt war. Das Teil war halt nicht mehr schnell genug, hatte nicht mehr die beste Auflösung oder war einfach altmodisch.

Warum also sollen Canon, Panasonic, Dell, Samsung und Apple ihren Geräten eine Lebensdauer von zehn Jahren einhauchen? Den höheren Preis dafür würde eh nur eine Minderheit bezahlen (siehe: Miele). Die Mehrheit rennt den Supersonderangeboten nach und schleppt den Riesenfernseher für 500 Euro und den Mixer für fünf Euro und den Akkuschrauber für neun nach Hause – und beschwert sich, wenn die Dinger das Ende der Garantiezeit nicht lange überdauern. Das hat mit eingebautem Verschleiß nichts zu tun. Da hilft die zweite Binse der Stiftung: Teuer hält länger. Meistens.

Aber wer will das hören? Viel spannender ist doch die Annahme, dass die böse Industrie uns betrügt. Nachdem die Bundestagsfraktion der Grünen in einer von ihr beauftragten Studie Indizien für den geplanten Verfall gesucht (und gefunden) hat, will auch das Umweltbundesamt nicht zurück stehen – obwohl neben der Stiftung Warentest nicht einmal die Verbraucherschützer so was unterstellen. Es gibt also einen offiziellen Forschungsauftrag, und spätestens 2015 sollen Ergebnisse vorliegen. Die werden kaum von denen der Warentester abweichen und dennoch für Aufregung sorgen. Weil die Verschwörungstheorien viel interessanter und leichter zu verbreiten sind als die Erkenntnis, dass wir uns längst schon alle auf die Wegwerfgesellschaft eingelassen haben. Und in einer Wegwerfgesellschaft lohnt es sich nicht, ein Handy reparaturfreundlich zu bauen. Es landet eh nach zwei Jahren im Schrank. Obwohl es noch funktioniert.

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