Von Prism bis Google: Datenkraken übernehmen die Macht

Eines hat uns diese Woche der Netzproteste und Talkshow-Runden gezeigt: Datenschutz wird kein Wahlkampfschlager, die unglaubliche Internetspionage unter so genannten Freunden hat nicht das Zeug zum echten Skandal – es ist und bleibt (vorerst?) ein Aufreger für Minderheiten. Die Kanzlerin und die von ihr geführte Volkspartei gehen gestärkt aus der Geheimdienstkrise hervor; die Gedächtnislücken der Bundesregierung haben sich gelohnt. Zwar äußern sich 70 Prozent der in Umfragen angesprochenen Bundesbürger unzufrieden mit der regierungsamtlichen Reaktion auf Prism & Co. Aber dieses Ergebnis dürfen wir getrost als Nachgeplapper der medialen Aufgeregtheit zu den Akten legen: Die Union der achselzuckenden Kanzlerin und ihrer Doppel-Null-Agenten Friedrich und Pofalla legt auf 42 Prozent zu und rangiert auch ohne die schwächelnde FDP noch vor Rot-Grün, die Piraten dümpeln in der 2-Prozent-Flaute. Politik und Wähler schauen vereint, ratlos und hilflos auf eine Entwicklung, die sie nicht begreifen und noch weniger beeinflussen können.

Seit kaum 20 Jahren tasten wir uns im weltweiten Netz voran, haben uns von Bürgern zu Usern machen lassen und mitgeholfen beim schier grenzenlosen Wachstum von www. Dieses Netz, so schien es, ist kein Netz, das einen einfängt, sondern ein Netz der Freiheit, manche hofften sogar: der Anarchie. Wann immer Politik und Justiz meinten, Inhalte sperren zu müssen, gewährte die Netzgemeinde irgendwo auf der Welt auch fragwürdigen Daten unbegrenzt Asyl. Das Netz, so hieß es, hat seine eigenen Regeln und sorgt selbst dafür, dass diese Regeln eingehalten werden. Ein netter Versuch, getrieben von früher Digitalromantik. Die Internet-Community als globales Naturvolk.

Ein Paradies hält nur bis zum Sündenfall. Auch die Community naschte vom Apple-Baum der Erkenntnis, dass Server und Leitungen Geld kosten – und überall, wo Menschen versammelt sind, ein Markt entsteht. Dem Goldrausch der scheinbar allwissenden Suchmaschinen, der digitalen Kaufhäuser, der ganz persönlichen Müsli-Mischung und der absolut privaten Pornografie haben wir bereits den Fachhandel, die Fähigkeit zur Lektüre langer Texte und – natürlich – das Persönlichkeitsrecht geopfert. Wir bewegen uns ständig auf dem Laufsteg der digitalen Welt, und dass immer mehr Menschen gierig dabei zuschauen, „gefällt mir!“

Ist doch toll, dass Amazon weiß, welche Bücher und Filme und Kleider jeder von uns bevorzugt, dass Google sich unsere Suchbegriffe merkt und sie perfekt vernetzt mit Kalendereinträgen und Mail und demnächst allen Daten der Google-Brille und den Erkenntnissen von „Street view“. All die netten Gimmicks sind ja nicht kostenlos – und das wissen wir. Wir bezahlen nicht mit Geld, sondern mit unseren persönlichen, vertraulichen Daten. Dazu braucht es kein Prism. Prism ist lediglich der vorläufige Gipfel dieser Entwicklung: Der Staat (Synonym für wahrscheinlich alle Staaten, die sich das leisten können) hetzt seine Spione nicht mehr mit Raketenautos um die Welt, sondern als Hacker in die Datenspeicher.

Die haben von den kommerziellen Anbietern gelernt und sich mit ihnen verbündet: Was die Daten an sich nicht hergeben, spinnen sich Algorithmen zurecht. Die einen versuchen, das nächste Reiseziel oder eine beginnende Schwangerschaft zu errechnen, die anderen eine beginnende Untreue gegen die Gesellschaft. Wobei die größte Untreue wahrscheinlich die Weigerung ist, an diesem System teilzunehmen.

Wer glaubt, das alles sei von irgendeiner Instanz geplant worden, oder von irgendwem auf der Welt bis ins Detail zu verstehen, der täuscht sich gewaltig. Hier rast eine Entwicklung voller Eigendynamik, die niemand vorhergesehen hat und deren weitere Schritte niemand vorhersieht. Die Geheimdienste, die in ihrem Datenwahn und dem staatlichen Misstrauen gegen jeden Bürger ständig Recht brechen, verbinden sich mit den meist amerikanisch dominierten kommerziellen Internet-Kraken, denen unbedarfte User freie Hand über ihr Privatleben geben zu einem Großen Bruder, der seine kleinen Geschwister durchschauen und beeinflussen will.

Und unsere Bundesregierung empfiehlt ihren Bürgern, künftig Emails zu verschlüsseln.

Mit der Entwicklung von Datenstrom und Datenklau kann keine staatliche Stelle mithalten. Gerade deshalb ist viel mehr Ernst angesagt beim Umgang mit der Erkenntnis, dass man sich im Internet nicht verstecken kann, dass die Community jedes ihrer Mitglieder mit Freuden verrät an den, der den Preis dafür bezahlt – oder den, der den Verrat als Dienst an der Staatssicherheit erzwingt. Darauf gibt es keine technische Antwort.

Allenfalls eine juristische: Persönliche Daten dürfen grundsätzlich nicht gesammelt, weitergegeben, verknüpft, interpretiert werden. Oder eine protektionistische: Das weltweite Netz wird parzelliert, jeder Staat, jeder Provider, jeder Unternehmer umgibt sein Netz mit einer Firewall als Burgmauer. Es entstehen abgeschottete Netze wie in Nordkorea oder im Irak.

Gut möglich, dass es dazu kommt. Die Zeit, in der das Internet ein gewaltiger Raum der Freiheit und Chancen war, neigt sich dann dem Ende zu, wenn es den Demokratien nicht gelingt, das Böse in den Griff zu bekommen: gewöhnliche Kriminelle, Spione und die eigenen Geheimdienste. Es wird höchste Zeit, dass die Regierungen das digitale Neuland kennen- und beherrschen lernen.

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