Die deutschen Autos werden Weltbürger

Noch teilen sich zehn Inder die Ladefläche eines Kleinlasters, um zur Arbeit zu kommen. Aber die Zahl der privaten Pkw steigt. Deutsche Hersteller reagieren auf die Nachfrage - und bauen Fabriken in aller Welt. Auch in Indien.

Die deutschen Autohersteller haben Grund zu jubeln: BMW, Daimler, Audi und Volkswagen melden neue Rekordverkaufszahlen; in den vergangenen Tagen gingen sensationelle Halbjahresstatistiken durch die Presse. Allerdings fehlte selten der Hinweis, dass der Motor dieser Entwicklung in Asien und den USA brummt; aber der Verkauf in Europa stottert. Die Hersteller reagieren darauf, indem sie im Stammland weniger Autos bauen: Fast zwei Drittel der deutschen Autos werden im Ausland produziert; vor nur drei Jahren war es lediglich die Hälfte. Das bedroht die durch lang laufende Verträge abgesicherten Stammbelegschaften noch (!) nicht; aber die Zahl der Zeitarbeiter sinkt; hier und da wird Kurzarbeit angemeldet. Und bei den Zulieferern werden Kapazitäten abgebaut – auch weil die Firmen den mächtigen Auftraggebern in die weite Welt folgen müssen.

Die Krise in Europa verdirbt inzwischen auch den Deutschen die Lust auf einen Neuwagen. Am Ende des ersten Quartals lag der Rückgang (im Vergleich zum Vorjahr) bei knapp 13 Prozent – die Verkaufszahlen erreichen in etwa das Niveau von vor 20 Jahren. Und das gilt quer durch Europa. Wer vom Heimatmarkt abhängig ist, ist am stärksten betroffen – wie Opel. Aber ausgerechnet von diesem Hersteller kommt ein positives Signal: Der im Markt recht erfolgreiche kleine Stattgeländewagen „Mokka“ soll vom kommenden Jahr an nicht mehr in Südkorea gebaut werden, sondern in Spanien. Weil dann dort nicht mehr so viele Meriva und Corsa produziert werden können, hofft der deutsche Corsa-Standort Eisenach auf eine bessere Auslastung.

Südkorea – Spanien – Eisenach. So klein ist die automobile Welt. Bei der Entscheidung, wo eine Fabrik gebaut, eine andere geschlossen wird, spielen inzwischen nicht mehr nur Kosten die erste Geige. Denn im einst so freien Welthandel werden an vielen Stellen, etwa in den schnell wachsenden Schwellenländern, wieder Schutzmauern aus Importzöllen errichtet. Nur wer innerhalb dieser Mauern produziert, entkommt den saftigen Aufschlägen und kann den Markt erobern – und ist außerdem vor schwankenden Wechselkursen sicher.

Vor allem die großen Hersteller entwickeln Autos für den Weltmarkt, wollen Bauteile in möglichst viele verschiedene Modelle integrieren und hohe Margen einfahren. Deutsche Autos? Ob es die Kunden wirklich nicht stört, dass ihre Lieblinge nicht aus Rüsselsheim oder Wolfsburg oder Ingolstadt oder München stammen, sondern in Korea, Polen, Ungarn, England, Mexiko oder Spanien zusammengeschraubt werden?

Die Belegschaften wird es treffen, wenn sich der heimische Markt nicht erholt. Die Hersteller bauen Zeitarbeitsplätze ab; die Zulieferer verkleinern die Belegschaften. Weil globale Autos auch global entwickelt werden, sind alle Bereiche betroffen; neben der Produktion auch Forschung und Entwicklung. Die deutschen Autos wandern aus und werden Weltbürger. Das ist die bittere Erkenntnis hinter dem Rekord-Jubel.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.