Endlager: Schon kriegt der gefeierte Atom-Kompromiss Kratzer

Die Endlagersuche wird auf ein neues Gleis gesetzt und fängt von vorne an. Trotzdem werden weitere Castorbehälter durch Deutschland rollen. Aber nicht nach Gorleben.

„Berlin (dpa) – Die deutsche Atomindustrie hält sich eine Klage gegen die Mehrkosten von bis zu zwei Milliarden Euro wegen der neuen Endlagersuche offen.“ (rhein-zeitung.de, 11. April)

So also sehen Einigungen heutzutage aus: Die Entscheidung zur Endlagersuche ist gerade mal zwei Tage alt, da drohen die im und vom Kompromiss vereinten Betroffenen bereits mit dem Gang zum Gericht. Es war nicht anders zu erwarten: Niemand will den auf Jahrhunderttausende hinaus strahlenden Müll in der Nachbarschaft haben, und erst recht will keiner bezahlen. Die Begeisterung darüber, dass Bund und Länder sich über Parteigrenzen hinweg auf einen Weg zur Endlagersuche geeinigt haben, ist etwas für die Feinschmecker politischer Molekularküche. Was uns bevorsteht, wird deutlich deftiger ausfallen – und scheitern können.

Asse, der Endlagerübungsplatz, und Gorleben – nach dem Beschluss, alle deutschen Atomkraftwerke bis 2022 abzuschalten, rutschen diese Namen – neben Einrichtungen wie den Ostermärschen – in der breiten Öffentlichkeit in die Rubrik „nostalgische Protestfolklore“. Als würde sich der Atommüll per Regierungsbeschluss abschalten, atomisieren oder weg diskutieren lassen. Tut er aber nicht. Was in den berühmten Castorbehältern aus der Wiederaufarbeitung im britischen Sellafield und dem französischen La Hague zurück kommt zum Absender, muss einige Jahrzehnte oberirdisch abklingen – und dann für einige Hunderttausend Jahre unterirdisch weggesperrt werden. Das ist bedauerlich! Aber wahr. Das gilt auch für die zahlreichen Zwischenlager an den Kernkraftwerken; die wachsen noch, so lange die Meiler laufen. Aber protestfrei unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Der Rahmen ist gesteckt: In den Hallen von Gorleben stehen 118 strahlende Behälter – und dabei bleibt es. Aus Sellafield (21) und La Hague (5) kommen noch 26 Castorbehälter, die eine Bleibe suchen für drei Jahrzehnte. Das ist die eine Not. Die andere ist die Zeit, die bleibt, um die letzte Ruhestätte fürs radioaktive Erbe zu finden: Die Zwischenlager an den Kernkraftwerken sind (zum Glück!) nur bis 2040 genehmigt. Dann ist Schluss.

Der Streit, der kurz nach dem politisch wertvollen Kompromiss ausgebrochen ist, dreht sich um das zunächst Wesentliche: Wohin mit den nächsten hoch radioaktiven Castoren? Und: Wer bezahlt die erneute Suche? Die Frage des Wohin ist leicht zu beantworten: in Zwischenlager von Atomkraftwerken. So weit, so unstrittig, denke ich. Aber das muss von den Betreiberfirmen beantragt und vom Bundesamt für Strahlenschutz genehmigt werden. Was ohne Einlenken der Landesfürsten kaum geschieht. Dazu sind bislang aber nur der Grüne Kretschmann in Baden-Württemberg und das rot-grüne Schleswig-Holstein bereit – aber nur, wenn sich in anderen Bundesländern weitere Freiwillige melden.

Stattdessen melden sich Protestbewegungen, die denen im Wendland in nichts nachstehen werden. Auch wenn auf dem Gelände von Kraftwerken wie Brunsbüttel und Philippsburg bereits Dutzende Plätze belegt sind – Castoren von außerhalb gehen gar nicht. Ob sich weitere Ministerpräsidenten mit Rückgrat finden, oder sich weitere Länder wie Bayern mit Blick auf Wahlen zur atommüllfreien Zone erklären, das entscheidet mit über das Gelingen des gefeierten Kompromisses.

Ein weiterer Knackpunkt wird die Finanzierung sein. Die Atomindustrie – allen voran die großen Stromversorger, die einst dank Atomstrom reich und fett geworden sind, jetzt jedoch von der Energiewende arg gerupft werden – sieht sich in der Pflicht, das Endlager zu bauen. Aber für eine neue Suche will sie nicht bezahlen und verweist auf Gorleben: Dort sind schon 1,6 Milliarden Euro investiert worden, der Standort ist geeignet. Fertig.

Dabei kommt Gorleben mit Sicherheit als Endlager nicht mehr in Frage, obwohl es in der nun neu beginnenden Suche ganz offen und vorurteilsfrei erneut geprüft wird – und das ist weniger eine geologische Einschätzung, als eine politische. Die Frage, ob die Atomindustrie für politischen Pferdewechsel zu zahlen hat, könnte vor Gericht landen.

Aber selbst wenn die zwei Dutzend Castoren einen vorläufigen Stellplatz finden und die Kostenfrage geklärt ist: So richtig spannend wird ja erst die Suche nach dem Endlager (mit der Betonung auf „End“), die nun ganz von vorne beginnt: Wissenschaftler prüfen zwei Jahre lang, welche Standorte grundsätzlich geeignet sind. Aber ob der Müll am Ende in Salz, Ton oder Granit liegt, das wird trotzdem politisch entschieden – garantiert unterfüttert mit wissenschaftlichen Expertisen für und wider alle Varianten. Erst danach beginnt das langwierige Verfahren zur Standortsuche.

Bis dahin wird sich gezeigt haben, ob der jetzt gefeierte Kompromiss was taugt. Oder ob die Politik der Versuchung erliegt, sich vor den Karren des Populismus spannen zu lassen und vor dieser gewaltigen Herausforderung in die Knie geht. Und der nächsten Generation ein weiteres Problem aufbürdet.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Ökonologie abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.