Wie wäre Olympia ohne Zielvereinbarung? Sportlicher!

Trümmer im antiken Olympia. Die Idee eines weltweiten Wettbewerbs, fair und in Frieden, hat überlebt. Auch ohne Zielvereinbarungen.

Faszination Olympische Spiele: Im Durchschnitt saßen in Deutschland mehr als drei Millionen Zuschauer vor den Fernsehgeräten. Natürlich waren es deutlich mehr, wenn der Deutschland-Achter in See stach oder die Beachvolleyballer um Gold blockten. Und selbst die Hammerwerferinnen, Diskuswerfer und Stabhochspringer scharten zehn Millionen um sich. Auch virtuell. Manch einer ließ sich parallel zur Fernsehsendung noch weitere Sportarten servieren – als Livestream per Internet. Um die 30 Millionen klickten auf das Online-Angebot der Öffentlich-Rechtlichen. Welch eine Begeisterung. Aber warum? Würde die Einschaltquote dem Medaillenspiegel folgen, wäre sie kaum rekordverdächtig. Meine Erklärung: Die Medaillenbilanzbuchhalter sitzen nur in den Funktionärsbüros der Sportverbände. Die Zuschauer erfreuen sich an tollen Leistungen, auch wenn sie von Sportlern anderer Nationen erbracht werden, und an Erlebnissen, die manchmal an Wunder grenzen. Aber wir sind dabei, diese Begeisterung zu untergraben. Zum Beispiel mit „Zielvereinbarungen„.

Was macht diese zwei Wochen so magisch, so anziehend? Die Welt der Olympischen Spiele ist wohl geordnet – klare Regeln bestimmen darüber, wer gewinnt und wer verliert. Und wenn die moderne Technik mal versagt, hilft das Maßband, die Ordnung wieder herzustellen. Die Welt der Olympischen Spiele kennt keinen Rassenhass und keinen Nationalismus – Sportler aus allen Ländern und Kulturkreisen und jeder Hautfarbe werden gefeiert und zu Höchstleistungen angespornt. Die Welt der Olympischen Spiele dreht sich um uralte, tief in allen Menschen programmierte Werte, um (Trainings-)Fleiß, Zuverlässigkeit und Teamgeist. Die Welt der Olympischen Spiele belohnt Leistung nach eindeutigen Maßstäben. Kurz: Die Welt der Olympischen Spiele ist so ganz anders als die Wirklichkeit, der wir uns nach der Abschlussfeier wieder stellen müssen.

Vor allem wir Deutschen, die wir uns nach Werten, Maßstäben und Vorbildern sehnen. Uns hat es ja schon vor wenigen Tagen kalt erwischt, als in die Olympische Punica-Oase eine schnöde „Zielvereinbarung“ hineinflatterte. So weit sind wir schon, dass sich die Sportwelt mit Management-Methoden messen soll: Keine Medaille, keine Moneten. Von wegen: Dabei sein ist alles.

Manch einer mag angesichts der mageren Gold-Ausbeute mehr monetären Druck fordern. Schon werden Rufe laut nach einer Reform des Fördersystems – wir Deutsche sind ja schnell bei der Hand mit der Verbindung von „fördern und fordern“. So richtig funktioniert hat das weder bei Hartz IV noch bei den Griechen. Warum sollte es dann bei den Sportlern helfen?

Im Gegenteil. Es schadet. Topleistungen sind nicht allein mit Geld zu kaufen. Sonst wären die Bayern Deutscher Fußballmeister, die Deutschen wären Weltmeister im Kinderkriegen und der Medaillenspiegel von London sähe anders aus. Topleistungen sind immer eine Frage der inneren Einstellung und der sie prägenden Umgebung. Eine Gesellschaft, die sich insgesamt von der Leistungsorientierung entfernt und an ihre Stelle die Monetarisierung setzt, beeinflusst auch ihren Spitzensport negativ. Wo sind noch die Knirpse, die sich von Kindesbeinen an schinden, um irgendwann einmal ganz oben auf dem Treppchen zu stehen? Wo sind die Strukturen, die Talente (und nicht nur sportliche) erkennen, auswählen und bedingungslos fördern? Wo sind die Verbände und Funktionärsstrukturen, die sich alleine den sportlichen Leistungen verpflichtet fühlen und nicht der eigenen politischen Macht, dem Glanz der Weltreisen und dem persönlichen Geldbeutel?

Wer solche „Zielvereinbarungen“ schreibt für Spitzensportler, hat den Sportsgeist längst verloren. Hier geht es lediglich um Millionen für die Verbandsherrlichkeit. Nicht um den Sport. Das Publikum kann sich noch für Olympia begeistern, lässt sich für zwei Wochen vom Olympischen Geist fesseln. Die Autoren von „Zielvereinbarungen“ sind dabei, uns diese Begeisterung zu nehmen. Vielleicht wäre ein schöner Ansatz für Reformen der Förderpolitik, die Zahl der Funktionäre zu reduzieren und den Einfluss der Politik zu vermindern.

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