Euro und Europa sind mit Geld nicht zu retten

Mehr denn je dreht sich bei der Rettung des Euro alles um Geld. Aber mit Milliarden allein ist Europa nicht zu retten.

Im Auge des Wirbelsturms ist es ruhig. Genau da ist Euroland jetzt angekommen. Natürlich ist der Blick auf das Tosen um uns herum nicht wirklich entspannend; aber für mich hat sie auch etwas Beruhigendes, die Erkenntnis, dass Europa mit seinem Latein am Ende ist. All diese Krisengipfel, die ständig renovierten Rettungsschirme, die Zusagen-Litanei, die Rotstift-Batterien und die Proteste gegen den Wohlstandsverlust – alles nervig, alles nutzlos. Am Ende hat sich die Euro-Union durch Streit und Mutlosigkeit alle Optionen verbaut. Alle, bis auf eine, das volle Risiko; alles auf eine Karte und Geld drucken bis zum Abwinken.

So viele Möglichkeiten gab es, die meisten blieben unbeachtet, die anderen wurden zu spät und zu zögerlich ergriffen. Am Ende steht nur noch die Haftungsunion in Gestalt der Europäischen Zentralbank (EZB), die als einzige in der Lage ist, Geld zu schaffen ohne Grenzen. In Amerika funktioniert der Trick (bislang), ob es auch in Europa klappt, ist ungewiss.

Es ist müßig, erneut die Schulden-Milliarden zu Billionen zu addieren, den deutschen Anteil auszuloten und mit dem Bundeshaushalt zu vergleichen, überbordende Inflation zu prognostizieren. Denken wir lieber darüber nach, wie es passieren kann, dass eine Staatengemeinschaft sehenden Auges in Richtung Abgrund marschiert.

Ich denke, dahinter steckt die Überzeugung, dass Wissenschaft exakte Modelle für die Zukunft bietet, also die Zukunft vorhersagen kann. Dahinter steckt der Gedanke, dass Menschen berechenbar sind, sobald sie in großen Gruppen agieren. Am stärksten befallen davon ist die Wirtschaftswissenschaft. Obwohl inzwischen dem letzten Olivenpflücker in Griechenland klar sein muss, dass die Wissenschaft hier einem Trugschluss unterliegt, beherrschen die angeblich Weisen immer noch die Politik.

Sie haben Jahrzehnte damit verbracht, Menschen in Formeln zu zwängen – dazu werden Mathematiker und Physiker aufgeboten in Instituten, Banken und Versicherungen – Formelsammler statt Menschenkenner. Sie sollen tonnenweise Daten durchstöbern und belastbare Prognosen abgeben. In den elektronischen Filtern, die dazu eingesetzt werden, bleibt der einzelne Mensch hängen und wird ausgefiltert.

Freude, Angst, Sorgen? – die haben in den Algorithmen keine Chance. Dass Wirtschaft zu einem guten Teil dem Bauchgefühl folgt, ist allenfalls noch eine witzige Randbemerkung, wenn alte Handwerksmeister in den Ruhestand verabschiedet werden – weil bei denen der Mensch noch eine Rolle gespielt hat. Im globalen Wirtschaften hingegen haben Formeln die Menschenkenntnis abgelöst, Moral und Ethik verdrängt.

Die Gegenwart zeigt, dass wir auf dem Holzweg sind. All die tollen Modelle, die exakt ausgeklügelten Milliardenbeträge laufen ins Leere. Die Versprechen der Wirtschaftswissenschaftler und Finanzakrobaten haben die Politik leichtsinnig gemacht und ihr das Denken abgewöhnt – und uns an den Abgrund geführt.

Die Menschen, die unter den Folgen leiden, haben sich von den Allmachtsfantasien der Wissenschaft längst distanziert. Wer glaubt denn noch ernsthaft, dass Meteorologen unser Wetter in hundert Jahren vorhersagen können, wenn sie schon mit dem nächsten Wochenende falsch liegen? Und wer verlässt sich darauf, dass eine ganz bestimmte Summe Geldes das komplexe Finanzgefüge wieder in Ordnung bringt – keine Million mehr oder weniger?

Unser Verstand sagt, dass hinter dem Geschäft mit den Klimaprognosen auch nur Menschen stehen. Leute wie Du und ich, die ihre Arbeitsverträge verlängert haben wollen, Chefs, die mehr Fördergeld einwerben müssen, Institutsleiter, die durch die Welt reisen, Bücher schreiben, im Fernsehen auftreten wollen – und Lieferanten, die scharf darauf sind, Satelliten und Superrechner zu bauen.

Unser Verstand sagt auch, dass es falsch ist, diejenigen mit immer mehr Geld auszustatten, die mit ihren Spekulationen das Euro-Desaster erst angerichtet haben – wir geben den Brandstiftern noch mehr Feuerzeuge und Benzinkanister. Die großen Banken leben nicht davon, unsere Konten zu verwalten, sondern zu zocken. Ihnen fehlt, worauf unsere Gesellschaft eigentlich gründet: eine gemeinsame Moral, eine Verantwortung für das Ganze, die Erkenntnis, einen Dienst zu leisten.

Modelle, Programme, Spekulationprodukte haben keine eingebaute Moral. Sie betrachten die Menschen als homogene Geldquelle. Aber die Menschen sind anders. Sie sorgen sich, sie haben Angst um ihr Leben, sie wollen nicht hungern, sie wollen Erfolge haben, sie denken an ihre Kinder, sie brauchen Vorbilder, sie haben eine klare Vorstellung von Gut und Böse und wünschen, dass das Gute verteidigt und das Böse bestraft wird. Sonst verlieren sie das Beste, das sie einer Gemeinschaft geben können: Vertrauen.

Wenn Europa und der Rest der Welt eine Chance haben, dann liegt sie darin, die Menschen wieder mit Überzeugungen auszustatten, die kein Superrechner ausbrüten kann. Die Bürger ertragen Wohlstandsverlust und Mehrarbeit, wenn sie wissen wozu. Wenn sie Ziele haben, für die sich die Schinderei lohnt. Wenn sie spüren, dass die Verantwortlichen diese Ziele mit ihnen teilen und sich mit ihnen schinden. Dann kommt das Vertrauen zurück.

So lange Europa sich nur mit Geld retten will, ist es verloren. Es wird Zeit, sich abzuwenden von Rechenmodellen und Milliarden und sich den Menschen zu widmen.

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