Eicher und Facebook: Analoge und digitale Zukunft in Indien

In Indien lebt die bayerische Traditionsmarke EICHER fort - als führender Hersteller von Lastwagen. Ob auch Facebook dank der Schwellenländer überlebt?

Jetzt hat es also auch Spanien erwischt. Die erste Runde der Sparschweine (PIGS – Portugal, Irland, Griechenland, Spanien) ist komplett. Natürlich zeigen sich die rettenden Finanzminister mal wieder großzügig: 40 Milliarden Euro fehlen den spanischen Banken, die im politischen Auftrag eine irre Immobilienblase aufgepustet haben, 100 Milliarden werden bereitgestellt. Mit anderer Leute Geld ist gut großzügig sein. Und weil es ja „nur“ die Banken trifft, wird den Spaniern ein Sparprogramm erspart. Sparen wird eh völlig überbewertet – seit in Frankreich ein Sozialist das Sagen hat, redet auch die Kanzlerin nicht mehr nur von fordern, sondern auch von fördern. Vor zwei Wochen hätte mich das noch aufgeregt. Jetzt weniger. Knapp zwei Wochen in Neu Delhi und Mumbai genügen, den Fokus zu verändern. Europa befasst sich mit sich selbst, zehrt von vergangener Größe und kann nicht verhindern, dass sein politisches und ökonomisches Gewicht in der Welt schwindet. Indien wächst aus bitterer Armut heraus, macht sich jung und dynamisch auf den Weg, gemeinsam mit anderen Staaten Asiens den neuen Mittelpunkt der Welt zu bilden. Zwei Beispiele mögen dies belegen, eines uralt-bayerisch-analog, das andere: Facebook.

Nationen, die sich rasant entwickeln, überspringen häufig Stufen, an denen sich die alten Wohlstandsländer noch abgearbeitet haben (so wie die Erstgeborenen den Eltern Freiheiten abtrotzen müssen, die den jüngeren Geschwistern in den Schoß fallen). Wir haben das in den Ländern des ehemaligen Ostblocks erlebt, wo zum Beispiel die flächendeckende Verbreitung von Festnetz-Telefonen kein Thema war. Hier kommuniziert jeder gleich mobil – daheim die Strippe, unterwegs das Handy wie bei uns? Welch ein Unsinn.

In den aufstrebenden Schwellenländern wie Indien ist das auch zu beobachten – Fahrrad/Motorrad und Handy sind die wichtigsten Symbole von neu erworbenem Wohlstand – vor allem das Smartphone. Und Facebook. Auch wenn Werbung im Netzwerk offenkundig wenig wirkt und die ersten Shops schon wieder schließen: In Indien gehören die Facebook-Niederlassung und die lautstarke Werbung dafür längst als fester Bestandteil zur Kundenbetreuung und -gewinnung. Auch gesellschaftlich ist das Soziale Netz etabliert: Selbst im Regionalfernsehen werden ältere Inder gezeigt, die sich in Facebook tummeln.

Die Inder lassen sich gerne darauf ein und entfalten auch hier eine ungeahnte Dynamik. Die Netzanalytiker von „Socialbakers“ sagen, dass die Zahl der Facebook-Mitglieder in Indien um mehr als 20 Prozent wächst – pro Halbjahr. In drei Jahren wird das Land mehr Facebook-Mitglieder haben als die USA, dann um die 175 Millionen.

Aber nicht nur das Soziale Netz wird im Eiltempo dichter geknüpft, die Inder umarmen auch die anderen Möglichkeiten des Internet: Im April wurden zwei Millionen Stellen online ausgeschrieben; 2,75 Millionen Inderinnen und Inder suchten digital eine/n Partner/in, und die Zahl der Ticketverkäufe lag im April 2012 mit 5,56 Millionen fast doppelt so hoch wie im April 2011. Und es ist überhaupt nicht ungewöhnlich, dass die Stadtverwaltung von Mumbai (16 Millionen Einwohner – so viele wie ganz Ostdeutschland) ihre Bewohner per Facebook und Twitter über den herannahenden Monsun informiert und im Stundentakt online mitteilt, wo Straßen und Gleise unter Wasser stehen. Wohl gemerkt: In einem Schwellenland, in dem der größte Teil der Bevölkerung immer noch in bitterer Not lebt – allein in Mumbai haben drei Millionen Menschen keine Toilette.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese offene und ungestüme Beschäftigung mit dem Medium das Medium selbst verändert; asiatisch macht. Während Facebook in der westlichen Welt noch nach einem Geschäftsmodell sucht, das den Börsenwert rechtfertigen könnte, gehen indische (und andere asiatische) Unternehmen und deren Agenturen mit viel Kreativität daran, die Möglichkeiten des Social Web auszuloten. Spätestens in drei Jahren, wenn Indien und Indonesien neben den USA die Spitzengruppe in Facebook bilden, wird dieses Soziale Netz eine asiatische Handschrift tragen – vielleicht sogar von Asiaten gekauft worden sein; der Aktienkurs deutet ja heute schon auf eine Übernahme hin. Das wäre sicher ein spektakulärer Schritt, aber nicht die erste Übernahme dieser Art. Davon zeugt eine alte deutsche, eine einst urbayrische Firma.

Wer den 50. Geburtstag hinter sich hat und durch Indien reist, begegnet ständig einem alten Bekannten: Dem Namen „Eicher“. Warum in Indien diese deutsche Marke auf Lastwagen, Traktoren und Bussen steht? Das ist eine der ersten Globalisierungsgeschichten.

Wir Älteren erinnern uns an die Eicher-Traktoren („Wird der Bauer reicher, fährt er Eicher“). Deren Wurzeln finden wir zu Beginn der 40er Jahre in Oberbayern; sie wurden gelegt von den Brüdern Albert und Josef Eicher. Seit den 50er Jahren erlebte die Traktorenfabrik ihre Blütezeit. Das gab den Bayern den Mut und die Möglichkeiten zu globalisieren. Schon 1959 nahm ein Joint Venture in Indien die Arbeit auf und stellte Traktoren her. In Indien landete auch das Wissen, das die Bayern beim Bau kompakter Lastwagen sammelten, die in Deutschland mit Unterstützung von Magirus-Deutz fabriziert wurden.

Der Erfolg blieb den Bayern allerdings nicht ewig treu. Aber als die „Gebrüder Eicher Traktorenfabrik“ zu Beginn der 80er Jahre in Finanzprobleme geriet, waren die Inder zur Stelle. Die Tochter kaufte die Mutter. Retten konnte sie sie nicht. Die Eicher GmbH wurde 1992 aufgelöst.

In Indien aber lebt Eicher weiter. Mit Macht. Die Eicher Goodearth Ltd. baute zunächst Traktoren – die ersten in Indien. Dann widmete sie sich wie die deutsche Mutter dem Bau von leichten Lastwagen und Bussen (und arbeitete dazu mit Mitsubishi zusammen). Außerdem kaufte sie die Motorradfirma Enfield.

Eicher in Indien hat heute bei den leichten Lkw einen Marktanteil von über 30 Prozent (und das bei mächtigen Konkurrenten wie der indischen Firma Tata und den japanischen Anbietern). Die Traktorenherstellung wurde an eine indische Firma verkauft. Strategischer Partner beim Bau von Bussen und Lastwagen ist seit 2008 die Firma Volvo, die sich mit 50 Prozent an der Holding „Eicher Motors & Volvo Group“ beteiligt hat. Das Ziel: Den indischen Markt zu bedienen und weitere Schwellenländer zu erobern. Der Kurs steht klar auf Weltmarkt und Wachstum.

Nach Spanien schaut man da überhaupt nicht. Ein winziges Land, weit weg, gerade mal so viel Einwohner wie die drei größten indischen Städte. Vielleicht täte es manchem Politiker mal gut, zwei Wochen in Indien zu verbringen und dort mit Unternehmern zu reden – etwa bei der ex-bayrischen Firma Eicher. Dann würden sie vielleicht den Weg einschlagen, den inzwischen auch viele deutsche Mittelständler gehen: Die Chancen in Asien ergreifen, die Inder (und Chinesen und Indonesier) eng in die Strategien für die Welt einbinden und an deren Netzwerken teilhaben, statt sich in musealen G-8-Runden zur Verteidigung des alten Ansehens und verblichener Ehrenurkunden einzuigeln.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Ökonologie abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.