Kein Moral-Nachlass für den Präsidenten

Wer sich auf Gipfeln bewegt, darf sich keinen Fehltritt leisten. Auch kein Bundespräsident.

Wer sich auf Gipfeln bewegt, darf sich keinen Fehltritt erlauben. Auch kein Bundespräsident.

Es ist viel die Rede davon, dass die gegenwärtige Wirtschafts-, Finanz- und Eurokrise in erster Linie eine Vertrauenskrise ist. Das ist sicher richtig. Menschen, die auf die Zukunft vertrauen, parken ihr Geld nicht für 0,5 Prozent auf dem Sparbuch, sondern trauen sich Aktien zu – wenigstens Fonds. Oder kaufen ein neues Auto, statt es mit der alten Kiste noch mal beim TÜV zu probieren. Wo entsteht aber jenes „Vertrauen auf die Zukunft“,  das so schmerzlich vermisst wird? Es lässt sich fest machen am Vertrauen in jene, die unsere Zukunft gestalten, die Macht haben und Verantwortung tragen in Wirtschaft und Gesellschaft. Deshalb ist der noch amtierende Bundespräsident Wulff eine Katastrophe.

Jeder für sich betrachtet, sind die Vorwürfe gegen Christian Wulff zwar nicht harmlos, aber sie wären ungefährlich – wie die Bauteile einer Handgranate. In der Summe und richtig zusammengesetzt, sind sie aber höchst explosiv. Diese ist schon detoniert, aber Wulff klammert sich an sein beschädigtes Amt, als gehöre es ihm. Und nicht uns (obwohl ausgerechnet das Staatsoberhaupt im Zuge eines rein politischen Prozesses ausgekungelt wird, auf den das Wahlvolk keinen direkten Einfluss hat).

Reiche „Freunde“ das eigene Haus bezahlen und, „darf es noch ein bisschen mehr sein?“,  gleich noch den Urlaub draufpacken zu lassen – naja, wer wird denn gleich unterstellen wollen, dass da eine Hand die andere wäscht? Die neue Dame des Herzens schlossgerecht von Modezaren kostenlos einkleiden lassen? Das macht Dieter Bohlen doch sicher auch. Am Telefon mal die Beherrschung verlieren und per Drohgebärde ein Grundrecht kassieren? Kurz vor der Veröffentlichung noch schnell aus einem heißen einen fast normalen Hypothekenkredit machen? Nur scheibchenweise mit der Wahrheit rausrücken, Transparenz versprechen und Geheimnisse bewahren?

Natürlich sind es „die Medien“, die aus diesen Bestandteilen eine Handgranate gebastelt, die eins und eins addiert haben. Das ist ihre grundgesetzlich auferlegte Pflicht. Natürlich ist es auch eine Kampagne des Hauses Springer gegen den Bundespräsidenten. Aber ebenso natürlich hat das Oberhaupt eines der angesehensten Staaten dieser Erde höchst persönlich die Munition geliefert – mal aus Dreistigkeit wie beim Kredit, bei den Urlauben und Klamotten, mal aus Dummheit und vermeintlicher Unangreifbarkeit wie beim Besprechen eines Anrufbeantworters der Bild-Zeitung.

Jetzt steht der Bundespräsident nackt da, aber seine wenigen noch verbliebenen Steigbügelhalter verurteilen jene, die keine Kleider sehen wollen. Und das sagen. Das ist bitter. Dahinter steckt politisches Kalkül – eine Bundespräsidentenwahl, höchst riskant, nicht lange vor der Bundestagswahl … die passt nicht in die Strategie einer ohnehin schwächelnden Koalition. Dann doch lieber das höchste Amt verlottern lassen.

Die Lautsprecher fordern Respekt ein, jetzt, wo alle Ausreden auf dem Tisch liegen und was noch an Munition da ist, unterm Teppich verschwinden soll. Respekt vor was? Vor einem Amtssessel, vor Gesslers Hut? Respekt ist wie Ansehen, Glaubwürdigkeit und Autorität eine Gabe, die immer neu verdient werden muss. Wulff kam mit Vorschusslorbeeren ins Amt; man hätte ihm zugetraut, dass er an den Aufgaben wächst. Das hat er nicht geschafft. Was an Respekt vorhanden war, ist futsch.

Jetzt klammert er sich bar jeder Würde ans Amt und beschädigt es. Dass eine Mehrheit der Deutschen in Umfragen dafür plädiert, ihm eine weitere Chance zu geben, beweist doch nur, wie tief unsere Ansprüche an Moral und Integrität des Führungspersonals schon gesunken sind. Ein Bundespräsident als Sitzenbleiber auf einer „Ehrenrunde“? Als Bundespräsidenten-Lehrling? Oder auf Bewährung? Undenkbar: Im Falle des Staatsoberhauptes darf es keinen Nachlass auf einwandfreies Verhalten geben. Moral an der Spitze ist ein klarer Anspruch: alles oder nichts. Im Falle Wulff also: nichts.

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