Die Ware Luxus oder der wahre Luxus?

Die Sonne scheint für alle. Auch im neuen Jahr.

Wann war ein Jahr ein gutes Jahr? Wenn wir am Ende
mindestens noch so gesund und fröhlich sind wie am vergangenen 1. Januar. Wenn Familie und Freunde sich noch vollzählig um uns scharen. Wenn wir voller Zuversicht nach vorne schauen. Und wenn wir was gelernt haben. In dieser Hinsicht war 2011 ein gutes, weil besonders lehrreiches Jahr. Ganz viel haben wir über wirtschaftliche Zusammenhänge gelernt – und dass sie längst nicht so kompliziert sind wie uns die Experten einreden wollen. Im Prinzip gelten die Grundregeln der schwäbischen (oder  Westerwälder, Eifeler, Hunsrücker) Hausfrau auch im Großen: Wer über Jahre mehr Geld ausgibt als einnimmt, ist irgendwann pleite. In dieser Beziehung gehen uns die Griechen und Portugiesen und Italiener nur ein Stück voraus. Wir folgen ihnen, wenn auch langsamer. Aber sicher. Weil Politiker am einfachsten mit Geschenken glänzen (die andere bezahlen müssen. Am besten: andere Generationen).

Die Hausfrau kann uns auch darüber belehren, dass derjenige, der das Geld gibt, das Sagen hat. Für die Öffentlichkeit ist das im Moment die Bundesregierung in Person der Kanzlerin – damit sie in Deutschland als starke Führungspersönlichkeit punktet und im Ausland als Hüterin preußischer Tugenden gefürchtet ist. Und damit man die Wahrheit nicht direkt sieht: In Wirklichkeit herrschen die Banken und Fonds.

Die Finanzwirtschaft hat sich aufgeblasen und weitgehend vom Kerngeschäft gelöst: Die Welt mit Geld zu versorgen, um Waren und Dienstleistungen zu kaufen. Stattdessen wird spekuliert, gewettet und gezockt. Längst übersteigen die Geldströme den Bedarf um ein Vielfaches. Banken und Fonds und große Investoren sind mit ihrem aufgeplusterten Casinogeschäft so scheinmächtig, dass keine Regierung ihnen ernsthaft die Grenzen aufzeigt – aus demselben Grund, aus dem sich der Staat nicht vom Glücksspielmonopol trennen will. Und dabei wird es bleiben, haben wir gelernt.

Auch weil der moralische Anspruch an die Mächtigen kleiner wird. Während sich der Verteidigungsminister aus dem Amt kopiert, sieht das Volk seinem Bundespräsidenten nach, dass er sich um klare Aussagen zu Günstlings-Krediten drückt. Moral ist nicht teilbar: Wer also in diesem Fall akzeptiert, dass jemand seine Stellung nutzt, um (heimlich) in die eigene Tasche zu wirtschaften, der sollte auch zu Manager-Boni schweigen.

Schweigen – das wäre zum Jahresende ohnehin eine gute Erkenntnis für viele. Etwa für kleine Parteien, Scheinriesen, die sich vollmundig um Kopf und Kragen und in die Bedeutungslosigkeit schwätzen, aber auf dem Weg dahin jede Menge Flurschaden anrichten. Oder für Experten, die Krisen herbeireden, um ihre Prognose zu retten. Oder für Politiker, die Ratingagenturen kritisieren, weil sie schlechte Arbeit „schlechte Arbeit“ nennen.

Aber was ist „schlechte Arbeit“? Politische Wertesysteme sind nicht von langer Dauer, haben wir auch gelernt. Bis zu einer Naturkatastrophe in Japan war die Verlängerung der Laufzeiten deutscher Atomkraftwerke noch „gute Arbeit“. Bis zur Wirtschaftskrise war der Kampf gegen den Klimawandel ebenfalls „gute Arbeit“. Vorbei.

Gut, dass wir eigene Wertesysteme haben, die seit Jahrhunderten gelten und dennoch topaktuell sind – unabhängig von den öffentlichen Systemen. Auf die Frage: „Was ist gutes Leben?“ antworten immer weniger Menschen materiell, und sie wollen ihre Überzeugung auch mit persönlichem Einsatz durchsetzen. Das wird den Politikern die Arbeit ganz schön erschweren. Mit Steuergeschenken ist es nicht mehr getan.

Was gutes Leben ausmacht, lässt sich nicht kaufen wie Luxusware. Wahrer Luxus ist: Zeit haben. Gesund sein, statt ausgebrannt. Gute Freundschaften pflegen. Kein Wunder, dass die Sachbuch-Bestsellerlisten angeführt werden von Büchern mit Tipps für das persönliche Glück. Sie lesen sich wie die Wunschlisten für ein neues Jahr: Glück, Gesundheit, Wohlergehen. Das ist alles. Alles Gute. Mehr braucht es nicht.

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