Kein Handy für die Gurkentruppe

Sauerstoff, Wasser, Essen, Schlaf, Bewegung und Sex – das sind die Grundbedürfnisse der Menschen. Sagt die moderne Hirnforschung. Und ihre Erkenntnis reicht zurück bis in die Steinzeit. Und sie hat Wurzeln weit darüber hinaus. Gleich dahinter rangieren die ebenfalls mächtigen so genannten „sekundären Grundbedürfnisse„. Wie Sicherheit und Ordnung. Deshalb finden wir es ganz tief drinnen höchst bedrohlich, wenn Artgenossen plötzlich verletzt werden. Oder erkranken. Oder sterben. In solchen Fällen schart sich der Stamm aufgeregt kreischend um seine Führer. Und fordert zurück, was verloren wurde: Sicherheit.

Überzeugende Beispiele dafür haben wir in den vergangenen Wochen erlebt. Wie Fukushima. Zugegeben: Die Ereignisse in Japan haben uns nicht direkt bedroht. Aber es ist überzeugend gelungen, die tatsächliche Bedrohungslage in weiter Ferne (Erdbeben, Tsunami, Kernschmelze) zu einer gefühlten, neuen, neu entdeckten Bedrohung in Deutschland zu machen (Flugzeugabsturz auf Atomkraftwerk). Ist die archaische Angstreaktion erst im Gang, genügen vernünftige Argumente („Wir haben doch gerade wegen der hohen Sicherheit die Laufzeit der Meiler verlängert!“) nicht, die verloren geglaubte Sicherheit wieder in Gang zu setzen.

Führer, die ihren Job nicht verlieren wollen, müssen in diesen Fällen (und das schon seit der Steinzeit) die Bedrohung überwältigen. Zumindest gefühlt. Deshalb hätten Hirnforscher der Kanzlerin denselben Rat gegeben wie die Ethikkommission: Die ältesten (und deshalb scheinbar bedrohlichsten) Kernkraftwerke abschalten. Und fest versprechen, dass es mit den anderen auch bald ein Ende hat. Alles im Griff.

Das hat so weit ganz gut geklappt. Aber die Hirnforscher würden auf Risiken hinweisen. Zu den sekundären Grundbedürfnissen gehören nämlich auch Wohlbefinden, Wärme, Verlässlichkeit. Das könnte zu neuen, von archaischen Bedürfnissen ausgelösten Protesten führen, wenn es im Winter mal keinen Strom gibt. Dass Atomkraftwerke im Leerlauf vor sich hin strahlen, um so etwas zu verhindern, ist also zumindest nach den Regeln der Psychologie völlig logisch.

Logisch und nachvollziehbar ist nach diesen Regeln auch die Angst vor Gurken, Tomaten und Kopfsalat. Dass Salat und Gemüse gesund und äußerst empfehlenswert sind, dass falsche Ernährung täglich mehr Menschen umbringt als – diese Prognose wage ich mal – EHEC am Ende insgesamt zur Strecke gebracht haben wird, gehört zu den unwillkommenen vernünftigen Argumenten, mit denen archaische Angst nicht zu beruhigen ist.

Plötzlich (und halt eben nicht vorhersehbar wie durch Autounfälle oder Lungenkrebs) werden Artgenossen aus unserer Mitte gerissen. Der Stamm schart sich um seine ratlosen Führer. Die erklären dem unsichtbaren Feind den Krieg. Laufzeitverkürzung oder Abschalten kommen in diesem Fall nicht in Frage. Eile ist geboten – deshalb sind halb gare Erkenntnisse über Rohkost aus Spanien besser als ehrliche Ratlosigkeit. Zwar hat immer noch keiner eine Ahnung, wie das böse Bakterium ins Land gekommen ist, aber die Tomaten sind tot. Die führende Gurkentruppe verbreitet scheinbare Sicherheit und macht uns zu einem Volk der Fischstäbchen- und Burgerkönige. Und was, wenn morgen ein forscher Wissenschaftler zum Beispiel entdeckt, dass die Keime mit Parteiprogrammen verbreitet werden? Dann. Ja dann. Okay. Liest keiner. Würde keiner krank. Schlechtes Beispiel.

Das klingt so, als hätten die Mächtigen im Land die Hirnforschung richtig intus und würden stets das Passende tun. Ist aber nicht. Sie vergessen zum Beispiel, dass in unser persönliches Grundbedürfnis nach Sicherheit ganz eng alle Familienangehörigen einbezogen sind. In Deutschland auch die Autos, der Deutschen liebste Kinder. Was endlich erklärt, warum die Sache mit dem E10 nie funktionieren wird. Eine bauchgefühlte Bedrohung, ein unsichtbarer Feind. Keine Chance.

Aber jetzt wird es ganz besonders spannend. Weil die Weltgesundheitsorganisation WHO sagt, dass Mobiltelefone das Krebsrisiko erhöhen könnten. Das ist rein statistisch auch keine geringere Bedrohungslage als die durch Kernschmelze, EHEC oder E10. Ob nach dem Kopfsalat jetzt auch das Handy der Bannstrahl trifft?

Niemals. In diesem Fall greift eine andere Erkenntnis der Hirnforscher. Wir können verdrängen, was nicht ins Schema passt. Besonders, wenn es in unsere persönlichen, lieb gewonnenen Gewohnheiten eingreifen würde. Ein paar Wochen ohne Gurken, das lässt sich noch darstellen, wenn Siechtum und Tod drohen. Aber auf das Handy verzichten? Ich telefoniere eh nicht so viel. Und in der Nachbarschaft hat es noch keinen getroffen. Und bisher gab es immer wieder Studien, die das Gegenteil beweisen. Und überhaupt: no risc, no fun …

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