Japan: Das Restrisiko zeigt seine Fratze

Ein Erdbeben, eine Flutwelle - und die Ordnung einer führenden Industrienation ist auf den Kopf gestellt. Das Vertrauen in die Sicherheit von Leib und Leben ist brüchig geworden. Vorerst.

Ein Erdbeben, eine Flutwelle - und die Ordnung einer führenden Industrienation ist auf den Kopf gestellt. Das Vertrauen in die Sicherheit von Leib und Leben ist brüchig geworden. Vorerst.

Ausgerechnet Japan. Ausgerechnet in dem Land, das sich wie kein anderes mit gewaltigem Aufwand gegen die Gewalten aus dem Innern der Erde schützt, wird das Prädikat „erdbebensicher“ ad absurdum geführt. Alles vernichtende Flutwellen, stetig steigende Opferzahlen – die Natur verbreitet in einer führenden Industrienation Tod, Not und Elend. Am tiefsten aber werden sich die Bilder der sterbenden Kernkraftwerke einprägen. So sieht es also aus, wenn all die perfekt ausgeklügelten, mehrfach gestaffelten Rettungsringe nacheinander platzen und am Ende eintritt, was uns bis dahin wie durch ein umgedrehtes Fernrohr verkleinert präsentiert wurde: das Restrisiko.

Menschliches Ermessen ist manchmal ein zu kurzer Maßstab. Solche Erdbeben, solche Fluten übersteigen Forschungsgeist und Fantasie. Zerrüttet und weggespült ist heute der Glaube, auch den schlimmsten Fall beherrschen zu können. Kein Strom mehr im Atomkraftwerk. Kernschmelze. Tausende auf der Flucht vor der radioaktiven Wolke.

Die Welt ist geschockt. Aber sie lernt nicht. Für eine Weile herrschen Aufregung und Aktionismus. Die Bundesregierung stellt pflichtgemäß die deutschen Kernkraftwerke auf den Prüfstand – aber nicht den Beschluss, deren Laufzeiten zu verlängern. Und der Umweltminister weist auf die in Japan vorherrschende Windrichtung hin. In einigen Wochen ist der Name Fukushima vergessen, taucht im Jahresrückblick noch einmal auf und dann erst wieder, wenn neu errichtete Reaktorblöcke eingeweiht werden. Garantiert erdbebensicher.

Das Restrisiko, das uns in diesen Tagen seine hässliche Fratze gezeigt hat, ist dann wieder verborgen – so haben wir es am liebsten. Restrisiko gehört zu einem Leben im Überfluss, aber wir wollen es nicht sehen. „Aus den Augen, aus dem Sinn“ steckt es unter den Stahlbetonkuppeln der Kernkraftwerke, hinter den fensterlosen Fassaden der Massentierhaltung, in den unterirdischen Labors der Genforscher, in der Meerestiefe unter den Bohrinseln und in den bröckelnden Diktaturen ölreicher Wüstenstaaten. Bis zur nächsten Katastrophe.

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