Der Grüne und seine Atomkraftwerke

Ob es jemals wieder ans Netz geht? Das Atomkraftwerk Philippsburg 1 ist für drei Monate abgeschaltet - es gehört der EnBW, und die gehört zu 45 Prozent dem Land Baden-Württemberg. Und das wird jetzt Grün-Rot regiert.

Ob es jemals wieder ans Netz geht? Das Atomkraftwerk Philippsburg 1 ist für drei Monate abgeschaltet - es gehört der EnBW, und die gehört zu 45 Prozent dem Land Baden-Württemberg. Und das wird jetzt Grün-Rot regiert.

So ein bisschen können sie einem schon Leid tun, die Wahlsieger in Baden-Württemberg. Das muss man sich mal vorstellen: Da rücken sie von den harten Bänken der Opposition in die Polstersessel von Staatskanzlei und Ministerien – und ihnen sitzen in Ministerien und Ämtern Tausende gegenüber, die von sechs Jahrzehnten Unions-Führung durchtränkt (und entsprechend selektiert) sind. Gruselig. Aber so richtig in der Patsche sitzen die Grün-Roten, weil Herr Mappus ihnen im Dezember noch ein Ei ins Nest gelegt hat: den Atomkonzern Energie Baden-Württemberg. All die Probleme mit dem Ausstieg hat Grün-Rot jetzt an der Backe – als Landesregierung und als Betreiber von Kernkraftwerken. Egal, was der grüne Ministerpräsident mit „seiner“ EnBW anstellt – er wird sich den Zorn seiner Wähler zuziehen.

Der abgewählte MP Stefan Mappus (CDU) hat es wahltaktisch gut gemeint, als er dem französischen Stromkonzern EDF dessen 45,01 % der EnBW-Anteile abkaufte. Heim nach Schwaben – das würde die Wähler freuen (Mappus konnte angesichts Stuttgart 21 damals wirklich jede Sympathie gebrauchen). Und dann wollte er auch noch ein Geschäft daraus machen, das jede schwäbische Hausfrau versteht: Den Kaufpreis von 4,7 Milliarden über eine Anleihe finanzieren zu schlappen 2,44 Prozent, und dann vom Unternehmen eine fette Dividende kassieren von gut über 3 Prozent. Die sollte nicht nur Zins und Tilgung bezahlen, sondern auch noch ein Plus in die Staatskasse spülen.

Und nicht nur das. Die kommunalen Anteilseigner – in der Hauptsache per Zweckverband mit ebenfalls 45,01 % beteiligt – hatten die Zeichen der Zeit erkannt und wünschten sich einen behutsamen Umbau des Atomkonzerns (nur um die zehn Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energiequellen) zum Ökostromer. Aber das wäre mit den atomverliebten Franzosen wohl undenkbar gewesen. Dann schon eher mit einer leicht ergrünten CDU.

Das war im Dezember. Die heile Welt vor dem Erdbeben und dem Tsunami. Auch in Baden-Württemberg gibt es eine Zeitrechnung „vor und nach Fukushima“. Die Wahlen waren „nach Fukushima“. Und die Welt der EnBW und ihrer staatlichen Chefs sieht heute völlig anders aus, als Mappus sie sich vorgestellt hat.

Zwei der vier Atomkraftwerke stehen bereits still. Neckarwestheim 1 und Philippsburg 1 sind vom Netz. Das erste aus Altersgründen garantiert für immer. Und Philippsburg? Wenn sich die teilweise auf grün gewendete FDP in Berlin durchsetzt: auch abreißen. Ansonsten hängt die Entscheidung über dieses AKW und die beiden anderen nun an einem grünen Ministerpräsidenten und seinem roten Koalitionspartner. Und an den Finanzen.

Gut die Hälfte des Stroms hat die EnBW „vor Fukushima“ in ihren Kernkraftwerken erzeugt. Und damit – die Grünen werden ja nicht müde, darauf hinzuweisen – Jahr für Jahr etwa eine Milliarde Euro eingespielt. Die Hälfte ist jetzt schon mal futsch. Und nicht nur das. Damit im Ländle die Lichter nicht ausgehen, muss die EnBW Strom zukaufen. Bei inzwischen steigenden Preisen.

Wie die EnBW angesichts dieser Entwicklung noch die Investitionen in erneuerbare Energien schaffen will/soll, ist zumindest fraglich. Billig wird das nicht. Und da auch das Geld für umweltfreundliche Anlagen nicht vom Himmel fällt, bleiben am Ende als Finanzier übrig: die Stromkunden. Oder die Steuerzahler.

Denen blühen noch mehr Kosten, wenn die neue Landesregierung so richtig umschwenkt und ihrem Staatsbetrieb die Atomkraftwerke komplett abstellt – was sie ja zumindest anstreben könnte.

Oder den Unternehmensanteil rasch wieder verkaufen. Aber zu welchem Preis? Die EnBW „nach Fukushima“ ist wahrscheinlich um einige Milliarden Euro billiger als vorher. Zudem weisen die Zeichen momentan in eine ganz andere Richtung: Noch bis 6. April kauft das Land weitere Aktien zu einem Garantie-Preis, festgelegt im Dezember: 41,50 Euro. Schon am 7. April wird dieser Preis wohl deutlich niedriger ausfallen. Aber das ist ja nicht mehr das Problem von Herrn Mappus, sondern von Herrn Kretschmann.

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9 Kommentare zu Der Grüne und seine Atomkraftwerke

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