Hartz IV: Kopfrechnen im Bildungspaket?

Ich hatte mich so daran gewöhnt, beim Bezahlen möglichst den genauen Betrag auf den Zahlteller zu legen. Wenn schon Bargeld, dann passend. Oder so, dass wenig Wechselgeld nötig ist. Und jetzt das: „Münzen bitte in die Mulde“, sagt die resolute Dame im Supermarkt, die meinen Schein nimmt, aber die sauber abgezählten Cent verschmäht. Vor mir, auf Hüfthöhe, surrt ein Gummiband, das die Münzen schluckt. Und die Kassiererin legt den Schein nicht in eine Schublade, sondern steckt ihn in einen Schlitz. Wie in einen Fahrkartenautomaten – nur ohne Fahrkarte. Das Restgeld klackert raus. Und tschüss. Pisa hat den Supermarkt erreicht. Die neuen Kassen wollen es nicht passend. Sie lieben Scheine. Oder Plastik. Nur nicht rechnen.

Vorher beim Einkauf schon zu addieren – zumindest überschlägig – habe ich mir eh fast abgewöhnt. Erstaunte Blicke oder sogar Bewunderung angesichts des annähernd passenden Geldbetrags sind damit nicht mehr zu verdienen, seit Dosen und Packungen über Barcode-Leser gezogen werden – piep-piep-piep. Keiner schaut mehr anerkennend, wenn nach dem Eintippen eines komplizierten Zahlbetrags eine runde Restgeld-Summe erscheint. Kopfrechnen ist aus der Mode gekommen.

Dabei hilft es. Nicht nur im Alltag, wenn man prüfen möchte, ob die Sonderangebote auch im Kassensystem angekommen sind. Kopfrechnen hilft auch in Diskussionen – zum Beispiel im Streit über den Regelsatz von Hartz IV.

Wer hin und wieder einkauft und dabei noch selbst addiert, wird nicht glauben, dass es einen enormen Unterschied macht, ob der Satz um fünf auf 364 Euro oder um acht auf 367 Euro erhöht wird. Des lieben Friedens willen nur fünf Euro rauf, aber im Gegenzug 3000 Sozialarbeiter einstellen? Oder andere Zuschläge zahlen. Für was? Und das Bildungspaket noch größer machen (hoffentlich: Kopfrechnen). Es ist offenkundig, dass es bei dem Tauziehen nicht mehr um das Wohl der Empfänger geht, sondern um Politik, und da nicht um Hartz IV, sondern um die Bezahlung von Zeitarbeitern und um Mindestlöhne. Sandkastenspiele mit Blick auf die anstehenden Wahlen.

Mit großem Tamtam werden auch hier Positionen verteidigt, die mit gesundem Kopfrechenverstand kaum nachvollziehbar sind. Eine kürzere Frist bis zur gleichen Bezahlung von Leihkräften wirkt nicht nur der Ungerechtigkeit und Ausbeutung entgegen, sie bildet auch die Wirklichkeit ab: Es herrscht Fachkräftemangel, und wer zwei Monate lang in einem Unternehmen gut gearbeitet hat, ist als Kollege gefragt. Auch zu höherem Lohn. Aber am Anfang hilft die Zeitarbeit als Einstieg mit niedriger Schwelle. Zwei von drei Zeitarbeitern waren vorher arbeitslos, viele von ihnen schon lange.

Und der Mindestlohn? Das Thema ist in vielen Branchen inzwischen auch ein Unternehmensanliegen. Am Ende hängt es von der Höhe des Mindestlohnes ab – wahrscheinlich kriegen wir einen; wahrscheinlich um die acht Euro. Wetten?

Was lernen wir? Es ist billiger, Menschen über Zeitverträge in Arbeit zu bringen, als Hartz IV zu bezahlen. Egal, ob 364 oder 367 Euro.

Und nicht vergessen: Wir sollten in wenigen Jahren mal nachrechnen, ob sich das milliardenschwere Bildungspaket positiv auf die Bildung ausgewirkt hat. Oder ob man sich das Geld sparen kann. Kopfrechnen sollte auch hier genügen.

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