Ein Ausweis für die Signaturwüste

Es musste ja so kommen. Drei Monate, ziemlich genau die 100 Tage, die jedem Neuen zur Bewährung zustehen, sind vorbei. Und er ist durchgefallen. Der neue Personalausweis. Das Bundespersonalplastikkärtchen ist zwar schon 1,5 Millionen Mal ausgeliefert worden, ohne dass es zu spürbaren logistischen Problemen gekommen ist. Aber das allein zählt nicht als Erfolg. Auch nicht, dass er so schön handlich ist – wie das Führerscheinplastikkärtchen oder das Plastikgeld. Was zählt – und zwar leider ausschließlich auf der Negativseite der Buchhaltung: Das Internet kann mit dem ePA nichts anfangen. Schöner Schreck.

Schreck? Was hatten die Kollegen denn erwartet, die jetzt auf die Suche gegangen sind nach „Anwendungen“? Dass sich in einem Quartal aus der Signaturwüste in Deutschland blühende Landschaften entwickeln? Das ist schon mal schief gegangen. Nicht mal für ELENA reichte der Mut.

Halten wir mal zur Ehrenrettung des ePA fest: Auch der neue Perso ist ein Ausweis, den man mit sich rumtragen muss, und der es bösen Burschen möglichst schwer macht, eine Kopie herzustellen. Punkt. Mehr Sicherheit stand über allem. Fälschungssicherheit. Und mehr Daten. Aber so was lässt sich dem Wahlvolk schlecht verkaufen. Und nur das zählt offenbar: was sich „verkaufen“ lässt. Wieder rückte Marketinggeklingel an die Stelle der Sachaussagen. Der neue ePA ist nicht nur ein Ausweis, sondern auch Schlüssel in die schöne neue Welt des e-, wollten uns die Broschüren vorgaukeln. 

Dumm gelaufen: Die schöne neue Welt des e- hat nicht auf den ePA gewartet. Die Bücher von Amazon. Die Reise bei Ryanair. Das Auto bei Kalaydo. Klick-Klick-Klick. Nix Perso. Sogar das Finanzamt kommt ohne Ausweis klar. Und was sonst noch vollmundig als e-Government, digitale Verwaltung also, gepriesen wird, braucht auch keine Signatur: Formulare laden, drucken, ausfüllen, abschicken. Gähn-Klick-Gähn-Druck.

Schön doof. Aber das wird nicht so bleiben. Wie gefährlich es sein kann, im Internet zu handeln, spüren immer mehr Menschen (auf beiden Seiten des digitalen Tresens) am eigenen Leib. Die Verwaltung wird sich irgendwann nicht mehr tatenlos hinter ihren scheinheiligen Verbeugungen vor dem e-Government verstecken können. Unternehmen werden entdecken, dass Vertrags- und Signatursicherheit auch finanziell rentabel sind. Und die Banken werden sich langsam von ihrem altmodischen PIN/TAN-Verfahren verabschieden. Dann kommt die Zeit des ePA. Bis dahin gewinnt nur der Staat: Sicherheit. Die Ausweisbesitzer beschränken sich darauf, die dreifache Gebühr zu zahlen. Ist ja auch wichtig.

Dieser Beitrag wurde unter Ökonologie abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

17 Kommentare zu Ein Ausweis für die Signaturwüste

  1. Pingback: blog.rhein-zeitung.de » Blog Archive » CeBIT: Neuer Personalausweis taugt nicht nur als Eintrittskarte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.