Niedrige Inflation im Kühlschrank

Nicht nur Kaffee treibt die Inflation. Auch Öl. Erstmals seit Herbst 2008 hat der Preis für ein Fass (159 Liter) der Nordseesorte Brent die 100-Dollar-Marke geknackt.

Nicht nur Kaffee treibt die Inflation. Auch Öl. Erstmals seit Herbst 2008 hat der Preis für ein Fass (159 Liter) der Nordseesorte Brent die 100-Dollar-Marke geknackt.

Kaffee treibt. Die Preise. Inflation durch Latte macchiato? Kein Wunder: Wenn der Deutschen Lieblingsgetränk teurer wird, zahlen Millionen. Angeblich trinkt jeder von uns 150 Liter Kaffee im Jahr. Im Durchschnitt. Mineralwasser würde uns weniger fuchsen (131 Liter). Und Bier? Mit nur noch 102 Liter eher eine Randnotiz. Aber halt! So können wir nicht rechnen. Auch Waren, die nur selten gekauft werden – und zwar noch viel seltener als Bier – müssen in den Warenkorb der Inflationsrechner. Also auch Fernseher, Kühlschränke und Mobiltelefone (die billiger geworden sind). Deshalb haben wir das Gefühl, die Inflation frisst viel mehr vom Einkommen als die offiziellen 2,x %. Und ganz ehrlich: Dieses Gefühl trügt nicht.

Bleiben wir zunächst beim Kaffee. Der legt soeben mal um einen halben Euro pro Pfund zu. Das sind – je nach Qualität – 15 oder 20 Prozent. An der Tankstelle sind Preiserhöhungen um die zehn Prozent zwar nicht super, aber normal. Und das Budget für Lebensmittel füllt den Einkaufswagen längst nicht mehr wie vor wenigen Monaten – besonders frische Ware aus dem Treibhaus hat Preissprünge hinter sich von bis zu einem Drittel.

Die Gründe dafür sind wohl bekannt und verständlich: Energie und Nahrungsmittel werden teurer (Missernten, steigende Nachfrage in den Schwellenländern u.s.w. u.s.f.). Und nicht immer lässt sich zwischen beiden eine saubere Grenze ziehen, weil Mais und Weizen neben den Tellern auch immer mehr Tanks füllen sollen. Und Tomaten reifen in unseren Breiten nur, wenn sie ordentlich beheizt werden. Zudem greift ein Effekt, der den deutschen Exporteuren momentan das Verkaufen vereinfacht: Ein schwacher Euro ist gut für den Export. Aber wer Waren in aller Welt einkauft, muss mehr Euro hinblättern. Was nicht nur für Öl gilt, sondern auch für leckeres Obst und Gemüse von außerhalb des Euro-Raumes.

Alles in allem liegt die Teuerung der Dinge, die wir fast täglich kaufen (kaufen müssen), schon bei über fünf Prozent, hat ein Schweizer Professor der FAS vorgerechnet. Er hat bei seiner Kalkulation schlicht die seltenen, langfristigen Anschaffungen weggelassen. Wie Kühlschränke und Computer. Was durchaus korrekt ist und vielleicht sogar von voraus schauender Weisheit. Wer kann sich schon einen neuen PC kaufen, wenn das Geld fürs Tanken und den Einkauf drauf gegangen ist?

Die amtlich niedrigere Inflationsrate von 2,4 Prozent (im Euroraum) entspricht also zu Recht nicht dem allgemeinen Teuerungsgefühl. Aber sie hilft vorerst unseren Währungshütern. Die sind zwar eingeschworen, die Inflation nicht dauerhaft über zwei Prozent steigen zu lassen. Aber 2,4 lässt sich noch guten Gewissens abrunden. Von der nächsten Sitzung der EZB wird wohl kein Zinssignal nach oben ausgehen.

Das wäre gerade jetzt ein Problem für unsere Euro-Retter. Die arbeiten heftig an Ideen, wie sie den klammen bis insolventen Partnerländern noch mehr helfen können, ohne gleich zum Scheck zu greifen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Höhe des Zinssatzes für die bisher gewährten Stützen. Der soll nämlich eher gesenkt werden – bei längerer Laufzeit.

Ein höherer Leitzins würde durch diese Pläne einen fetten Strich machen. Und außerdem den in vielen Euroländern noch zarten bis kaum spürbaren Aufschwung abwürgen. Dass die EZB nicht so ganz frei von politischen Erwägungen ist, hat sie mit dem Kauf von leidenden Staatsanleihen bereits gezeigt. Da lässt sich sogar darüber diskutieren, wie Sie ihre Pflicht zum Kampf gegen die Inflation auslegt. Vielleicht findet sie, dass die 2 gehalten ist, so lange vor der amtlichen Inflationsrate eine 2 steht. Also auch bei 2,9. Und wenn es dann mal über 3 geht – ist ja auch immer noch recht nah an der 2 – und sicher nur vorübergehend. Wo kein Kläger … Keine Ahnung, wo dann die Teuerung der täglichen Einkäufe und Tankstopps liegt. Aber ich habe das ungute Gefühl, dass die „gefühlte Inflation“ uns noch eine Weile treu bleibt.

Um es nicht zu vergessen (weil das sonst sofort jemand anmahnt): Die Inflation frisst nicht nur Kaufkraft im Supermarkt, sie verzehrt auch Geldguthaben (warum nur schrecken immer mehr Deutsche vor Aktien zurück?). Und Schulden. Ja! Auch Staatsschulden. Diese Rechnung geht auf, wenn gleichzeitig die Wirtschaft brummt. Langfristige Zinsen niedrig, Inflation höher. Preise hoch, Löhne hoch = Steuern hoch. Und tilgen.

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