Zwischen Biodiesel, Biofutter und Billig-Ei

Und sonntags auch mal zwei? Wer heute noch mit Appetit Eier essen will, muss abgebrüht sein - oder Bioware kaufen.

Und sonntags auch mal zwei? Wer heute noch mit Appetit Eier essen will, muss abgebrüht sein - oder Bioware kaufen.

Wenn die Zeichnungen auf den Lebensmittel-Verpackungen immer die Wirklichkeit zeigten, wäre es eng in Deutschland. Dann würden die Legehennen und Masthühner sich breit machen, auf grünen Wiesen picken, scharren, gackern und fröhlich auf den Metzger warten. Tun sie aber nicht. Sie drängen sich in der Regel zu Tausenden in lichtlosen Hallen, damit ihr Fleisch und ihre Eier billig in die Regale kommen. Deshalb nennen wir es Lebensmittel-Industrie. Und die ist anfälliger für – sagen wir mal – „Ausrutscher“, als der bäuerliche Familienbetrieb in der Nachbarschaft.

Rechnen wir mal ein Idyll aus. Jedes Huhn hat sein Stück Wiese. Nicht mal groß. Nur zehn Quadratmeter. Ein nettes Werbebildchen, wenn die kleine Hühnerschar so unter Bäumen unterwegs ist. Aber wir brauchen eine ziemlich große Hühnerschar: mindestens 40 Millionen Legehennen und gut 50 Millionen Masthühner. Das erfordert eine beachtliche Wiese von 900 Millionen Quadratmeter. Oder 90.000 Hektar. Oder 900 Quadratkilometer. Oder – weil es sich so leicht absperren lässt: ganz Rügen. Oder – mit Maschendraht entlang der französischen Grenze? – ein Drittel des Saarlands.

Und das sind nur die Hühner. An die 27 Millionen Schweine hat da noch keiner gedacht. Oder die zehn Millionen Truthühner und drei Millionen Enten. Schweine und Geflügel werden als Fleischlieferanten übrigens immer beliebter, seit man den Rindern – eigentlich eingefleischte Vegetarier – als Kraftfutter zermahlene Tierkadaver zu fressen gegeben hat und damit BSE auslöste.

Wer 5,3 Millionen Tonnen Schweinefleisch (180.000 Lastwagenladungen) und 1,3 Millionen Tonnen Geflügelfleisch und 18 Milliarden Eier pro Jahr essen und dafür möglichst wenig bezahlen möchte, muss gewisse Einschränkungen machen. Diese Einschränkungen sind ablesbar an den Begriffen: Die Branche spricht von „Tierproduktion“, und in der Summe haben wir es mit einer „Industrie“ zu tun. Darunter versteht man landläufig „Betriebe und Firmen im Bereich der maschinellen und automatisierten Warenproduktion“.

Schauen wir uns als Beispiel die Eierproduzenten an. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind zwar fünf Jahre alt; die Lage wird sich aber kaum verändert haben. Demnach leben unsere Legehennen in 77.000 landwirtschaftlichen Betrieben. Aber die meisten der Hennen, nämlich knapp 80 Prozent, werden in lediglich 500 Betrieben gehalten – zu minimal 10.000 auf einmal. Schon können wir sauber trennen zwischen Bauernhof und Industrie.

In diesen Fleisch- und Eierfabriken zählt – Industrie halt – nur das Ergebnis. Leistung, zu messen in Gramm und Stück. Vor 50 Jahren durften Hühner noch mit 120 Eiern pro Jahr zufrieden sein, heute haben sie 270 Eier zu legen und werden dafür computerisiert auf Temperatur gehalten und mit Spezialfutter aufgepeppt. Nur so ist zu verstehen, warum die Eier heute – gemessen an der Kaufkraft – weniger kosten als jemals zuvor seit dem Krieg.

Um den Wettbewerb zu bestehen, muss alles verwertet werden, was vom Feld und aus den Käfigen kommt. Dass inzwischen „vom Feld“ auch Ernte in die Energie-Erzeugung fließt, verschärft die industriellen Ansprüche noch. Was übrig bleibt, wenn der Biodiesel abgezapft ist, muss auch genutzt werden. Zum Beispiel als Fett. Biodiesel – Biofett – Biofutter – lecker?

Die Grenzen sind fließend. Da fehlt nicht viel Dummheit oder kriminelle Energie, um Maschinenfett ins Futter zu mischen. Und weil es um industrielle Maßstäbe geht, sind nicht einige tausend Hühner und Schweine betroffen, sondern gleich Millionen.

Was lehrt uns das? Mehr Geld für weniger, aber dafür bessere Qualität ausgeben. Wer beim Bio-Bauern um die Ecke kauft, kann sicher sein, dass die Hühner kein Dioxin-Futter bekommen haben (obwohl sie auch im Freien, in unserer reinen Umwelt, kleine Mengen Dioxin aufnehmen – das nur zur Vollständigkeit). Frische Lebensmittel kaufen, die die Region und die jeweilige Jahreszeit hergeben, bewahrt vor Industrie-Gift.

Und es macht wieder Appetit – auch auf Eier. Und verhindert Magenverstimmung, wenn in der Lebensmittelindustrie der nächste Skandal aufgedeckt wird.

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