Voll beschäftigt mit der Qual um die Quote

Zuerst wächst die Zeitarbeit - die Firmen rechnen für 2011 erstmals mit insgesamt einer Million Zeitarbeitern.

Zuerst wächst die Zeitarbeit - die Firmen rechnen für 2011 erstmals mit insgesamt einer Million Zeitarbeitern.

Das musste ja mal gesagt werden. Die Vollbeschäftigung ist „in Reichweite“. Jedenfalls für unseren Wirtschaftsminister Rainer Brüderle. Die Freude über einen tollen Aufschwung und überzeugende Zahlen aus der Bundesagentur soll nicht geschmälert werden, aber ein Blick in die Statistik lehrt uns etwas über die Definition von „in Reichweite“.

Fangen wir mal mit der einfachsten Frage an: Was ist „Vollbeschäftigung“? Die Antwort kann keinen Anspruch auf lange Gültigkeit erheben, sagt die Erfahrung. Für den gesunden Menschenverstand ist Vollbeschäftigung erreicht, wenn alle arbeiten, die arbeiten wollen. Okay, okay, machen wir eine Einschränkung – weil ja nicht immer direkt zusammen wächst, was zusammen gehört: Wenn die Zahl der offenen Stellen der Zahl der nicht beschäftigten Arbeitswilligen entspricht. Und weil ja immer mal jemand kündigt, ohne gleich einen neuen Job zu haben, lassen wir noch ein kleines bisschen Arbeitslosigkeit zu. Eine Wechselquote quasi. Diese noch als Vollbeschäftigung geltende Quote lag zum Ende der 1950er Jahre bei einem Prozent. Aber – so ist es halt mit der Politik – die Definition wurde mehrfach angepasst. Seit den 1990er Jahren gelten Arbeitslosenquoten von vier bis sechs Prozent noch als Vollbeschäftigung.

Nehmen wir die Untergrenze, dann sind etliche Regionen in Süddeutschland schon am Ziel. Und sogar Bundesländer: Bayern mit 4,0 und Baden-Württemberg mit 4,3 Prozent – und Rheinland-Pfalz mit 5,4 Prozent ist nicht weit entfernt.

Aber nicht nur die Quote ist ein Maß der Vollbeschäftigung. Schauen wir mal, wie „arbeitslos“ definiert ist: Wer keine Arbeit hat, aber arbeiten kann und will, ist arbeitslos. Das sind im Dezember knapp 3,016 Millionen Frauen und Männer.

„Arbeitslos“ ist aber nicht, wer keine Arbeit hat, aber arbeiten kann und will und gleichzeitig an einer „arbeitsmarktpolitischen Maßnahme“ teilnimmt – oder wer älter ist als 58, und dem schon ein Jahr keine Stelle angeboten werden konnte. Diese Menschen sind „arbeitslos im weiteren Sinne“ – das sind 276.000.

„Arbeitslos“ ist auch nicht, wer nur „unterbeschäftigt im engeren Sinne“ ist. Das sind all jene, die keine Arbeit haben, eigentlich arbeiten können und wollen und nicht „arbeitslos im weiteren Sinne“ sind, sondern an „bestimmten entlastend wirkenden arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen teilnehmen“ – oder vorübergehend arbeitsunfähig sind. Das sind weitere 567.428. Ohne diese Maßnahmen währen sie natürlich arbeitslos. Sind sie aber nicht.

Das gilt auch für die Gruppe der „Unterbeschäftigten im engeren Sinne“. Das sind Menschen, die entweder den Weg in die Selbstständigkeit suchen (und entsprechend gefördert werden) oder in die Altersteilzeit. Auch diese beiden Gruppen wären ohne Hilfe aus Nürnberg arbeitslos – das sind weitere 238.000.

Ohne diese „arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen“ wären also nicht 3,016 Millionen Menschen arbeitslos, sondern 4,1 Millionen (ohne Kurzarbeit – das waren im Oktober noch mal gut 200.000). Da wird auch eine Quote ausgerechnet, die aber natürlich nicht „Arbeitslosenquote“ heißt, sondern? Richtig! Unterbeschäftigungsquote. Und die lag im Dezember bei 9,6 Prozent.

Diese Quote gibt einen guten Anhaltspunkt dafür, was die Konjunktur noch leisten muss, bis auch in Mecklenburg-Vorpommern (Arbeitslosenquote 12,7 %) und Berlin (12,8 %) – selbst bei großzügiger Auslegung – Vollbeschäftigung herrscht.

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