Streusalz, Sand und Sozialismus

Nichts geht mehr - das gilt nicht nur für die Autobahnen beim Schneechaos, sondern auch auf Bürgersteigen. Salz ist knapp geworden.

Nichts geht mehr - das gilt nicht nur für die Autobahnen beim Schneechaos, sondern auch auf Bürgersteigen. Salz ist knapp geworden.

So etwas kennen wir nur aus dem an sozialistischen Anekdoten reichen Erfahrungsschatz der DDR. Oder aus Nachkriegserzählungen der Großeltern. Schlange stehen. Und dann doch leer ausgehen. Kaufen, was angeboten wird – nicht, was man braucht. Horten. Hamstern. Für den Fall des Falles. Klarer Fall von Planwirtschaft. Wie gut wir es doch haben. Werkzeug, Nägel, Kleider, Obst. Immer alles da in Hülle und Fülle. Was haben wir gelacht über den Witz: Was passiert, wenn die Sozialisten die Sahara regieren? Der Sand wird knapp. Und was passiert in der freien Marktwirtschaft nach zwei Wochen Winter? Das Salz wird knapp.

Es geht ja nicht um ein spezielles Salz. Im Gegenteil. Was gebraucht wird, darf der Bagger gleich auf den Lkw schmeißen. Wir nehmen es auch lose; Eimer oder Säcke bringe ich gerne mit. Lassen wir den Schnickschnack mit Plastiktüten sein.

Aber nicht mal das geht. Die Paletten mit Salzbergen, die im Spätsommer vor den Baumärkten gelegen haben, sind zur Saison verschwunden. Der Verkäufer zuckt bedauernd die Schultern – wenigstens hat er noch Geduld; ich werde der x-hundertste Kunde sein, der nach Salz fragt. Vergebens. „Salz“ sagt er, „gibt es nur noch in Schüben“. Lieferung kommt an, Kunden kaufen alles weg, Schluss. Als würde mich das trösten, fügt er hinzu, dass es auch keine Schlitten mehr gibt. Und keine Schneeschieber – nur noch die kleinen für Kinder. Die werden aber auch langsam knapp, weil manch einer in seiner Not lieber tief gebeugt schiebt, als aufrecht mit dem Besen stecken zu bleiben.

Dabei schneit es doch erst seit drei, vier Wochen. Und Schnee im Dezember ist nicht gerade ungewöhnlich. Sagen die Meteorologen. Egal: Auch der nächste Baumarkt ist salzfrei und bietet stattdessen Bio-Zeugs an, das am besten im Haus wirkt, weil man die kleinen Steinchen grundsätzlich an den Schuhen mit in die Wohnung schleppt. Bekannte mischen diese Bio-Notlösung mit Haushaltssalz, das im Großhandel nicht mal viel teurer ist als das als „Die letzten Reserven“ angepriesene Streusalz von der Tanke.

Das bleibt liegen, sage ich mir. Denn ich habe einen Tipp bekommen. Geflüstert. Die Not schweißt uns zusammen. Ein Händler erwartet eine frische Ladung Streusalz. Dem Nachbarn habe ich noch gesagt, dass ich ihm einen halben Zentner besorgen kann. Aber die Quelle bleibt geheim. Früh am nächsten Morgen bin ich da. Und mit mir Dutzende andere: Alles Profis. Ihre Telefonkette hat funktioniert. Da wird das Salz palettenweise auf die Hänger der Hausmeister gewuchtet. Rasch zerre ich einige Säcke auf Seite und in den Kofferraum. Auf dem Rückweg vom Bezahlen ist das Angebot schon merklich geschrumpft, und es kommen immer mehr Hausmeister.

Aber wo steckt das ganze Salz? Das geht alles an die Straßenmeistereien, sagt einer. Wenn es stimmt, ist es ja okay. In einigen Landstrichen wird ja schon der Sprit knapp, weil die Tanklaster stecken bleiben, weil das Salz knapp wird.

Und teuer. Schon wollen die Kommunen überhaupt nicht mehr streuen, was die Straßen zwar gefährlich macht, aber den Streusalzmarkt deutlich entlasten wird. Eine Lösung für das angeblich enger werdende Angebot an bestimmten Winterkleidern und den bisweilen auftretenden Mangel an Enteisungs-Flüssigkeit für Flugzeuge ist das zwar nicht. Aber wenigstens beim Salz wird die Marktwirtschaft wieder obsiegen. Nachfrage runter, Preis runter. Es sei denn, das Angebot wird weiter verknappt. Das Angebot … Nein. Das glaube ich nicht. Das ist undenkbar, dass da jemand absichtlich so eng kalkuliert, um im Fall des anhaltenden Schneefalles zehn Euro für 25 Kilo Salz zu kassieren. Wahrscheinlich ist es einfach nur falsch geplant. Ein Neuer in der Vorratskalkulation. Der rechnet aus Versehen mit Schneechaos im September. Oder ordert jetzt Nachschub – es wird ja wärmer.

Hoffentlich kommen da nicht schwarze Schafe aus der Sommerbranche auf falsche Gedanken. Ich werde ab Juli mal die Eisdielen und das Angebot an Sonnencremes im Auge behalten …

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