Winterreifen: Die Drei-Flocken-Krise

In diesem Winter kommen alle durch - dafür sorgt die Winterreifenpflicht. Oder? Weil eine klare Definition von "Winterreifen" fehlt - und auch noch fahrerisches Können einen gewissen Einfluss hat - sind Zweifel erlaubt.

In diesem Winter kommen alle durch - dafür sorgt die Winterreifenpflicht. Oder? Weil eine klare Definition von "Winterreifen" fehlt - und auch noch fahrerisches Können einen gewissen Einfluss hat - sind Zweifel erlaubt.

Lange genug habe ich mich als Westerwälder über die Flachlandbewohner geärgert, die mitten im Winter (also von Oktober bis April) die Höhen von Eifel, Hunsrück und Westerwald unsicher machten. An leichtesten Steigungen klebten, starr vor Staunen über die weiße Wunderwelt. Also genau jene, die im tiefen Tal der warmen Winter den Verkehr auf der B 9 komplett zum Erliegen bringen, wenn drei Schneeflocken fallen. Weil sie – richtig! – rund ums Jahr mit Sommerreifen unterwegs sind. Damit ist jetzt Schluss. Dank Herrn Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Da kommt Schwarz-Gelb mal nichts ins Rutschen. Die Kuh ist vom Eis. Winterreifen sind jetzt Pflicht.

Aber Moment. Winterreifen eigentlich nicht, fällt mir auf, wenn ich die Infos aus Berlin lese. Was sind schon Winterreifen? An dieser Frage scheiden sich die Geister – da ist man schnell auf ganz dünnem Eis. Der eine sagt so, der andere so. Die Ramsauer-Richtlinie verlangt sagenhafte 1,6 Millimeter Profil – was sicher für die B 9 auch im Dezember noch ausreicht. Aber für die Höhenlagen? Der ADAC steckt da tiefer im Schnee mit seiner Empfehlung: 4 Millimeter. Doch wer hört schon auf Experten?

Sogar bei der Frage, welches Profil richtig ist, mangelt es an klarer Sicht. Was Herrn Ramsauer genügt, steht in einer EU-Richtlinie aus dem Jahr 1992 und müsste dringend runderneuert werden. Da gelten auch Allwetterreifen und Reifen mit dem gängigen „M+S“ als tauglich für Schnee und Eis – wahrscheinlich war der damals zuständige Kommissar ein Südspanier. Die Bezeichnung „M+S“ (Matsch und Schnee) stammt aus den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts und sagt – laut ADAC – nichts aus über die Wintertauglichkeit. Wenn es dem Verkauf diente, könnte man es auch auf Sommerreifen prägen.

Auf der sicheren Seite ist man, wenn auf dem Reifen auch noch eine Schneeflocke zu sehen ist – am besten eine in einer Berg-Silhouette. Dieses Symbol verspricht: Der Reifen wurde für den Einsatz im Winter optimiert. Aber die Winterreifenpflicht sagt nichts über solche Schneeflocken. Ja: Der Entwurf der Richtlinie vermeidet sogar die Bezeichnung „Winterreifen“. Es ist also keine Winterreifenpflicht, sondern eine „Keine-Sommerreifen-Pflicht“. Und die gilt auch nur, wenn es wirklich glatt ist. Und nicht z. B. von Nikolaus bis Osterhase. In Koblenz, Bingen und Mainz greift sie also eher selten. Auf den Höhenlagen hingegen etliche Monate lang. Pflicht nach Höhen- und Wetterlage.

Wenn ich es mir recht überlege, war die alte Formulierung gar nicht so schlecht: „Die Ausrüstung ist der Wetterlage anzupassen“. Das haben nur einige Richter nicht verstanden und die Änderung verlangt. Jetzt heißt es, salopp gesagt: Bei Schnee, Matsch und Eis darf man nicht mit Sommerreifen fahren.

Weil das auch bedeutet: Mit untauglichen M+S-Reifen aus Asien, Profiltiefe 1,6 mm, auf Erbeskopf, Fuchskaute und Hohe Acht, und weil auch Herr Ramsauer das fahrerische Können nicht anordnen kann, bin ich am Ende dieses Blogs sicher, dass ich mich auch in diesem Winter wieder ärgern werde über Autofahrer, die auf drei Flocken ins Schleudern kommen oder auf festgefahrener Schneedecke so langsam fahren, als wollten sie auf Tauwetter warten.

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10 Kommentare zu Winterreifen: Die Drei-Flocken-Krise

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