Deutschland wird zahlen oder ziehen müssen

Vertrauen. Versichern. Verlieren? Die Europäische Union (EU) tut fast alles, um den Geldmärkten zu zeigen: Wir lassen keinen hängen. Nach Griechenland ist jetzt Irland mit Geld versorgt worden – die 57 Milliarden Euro sind überwiesen, weitere 28 Milliarden aus der irischen Pensionskasse beigesteuert. Aber Ruhe ist noch nicht eingekehrt. Ob jetzt Spanien an der Reihe ist – das viertgrößte Mitglied der Euro-Union? Alles hängt vom Aufschwung ab und damit von der Entwicklung in Deutschland. Und am Ende vielleicht auch von der deutschen Geduld.

Misstrauen oder Spekulation? Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem lässt Hilfs-Milliarden verpuffen. Auch unter dem Rettungsschirm müssen die lieben Iren, vom Volk der Schwarzbierfreunde und Naturburschen zur Zockertruppe mutiert, Rekordzinsen für fremdes Geld zahlen, das sie ihren Not leidenden Banken (und deren deutschen Anlegern) in den Rachen schmeißen.

Auch an der beruhigenden Wirkung auf den Rest der EU hapert es. Spanien muss für das dringend benötigte Kapital tief in die Tasche greifen. Zu tief? Nicht Griechenland oder Irland – Spanien ist die Nagelprobe der EU. Die Griechen haben Garantien bis knapp über 100 Milliarden, die Iren 85. Spanien würde nach Expertenschätzungen in den nächsten drei Jahren mehr als 400 Milliarden anfordern.

Deutschland spielt im Ringen um den Euro in doppelter Hinsicht eine zentrale Rolle. Wenn alle Stricke reißen, tragen wir die Hauptlast (bislang besteht der Rettungsschirm lediglich aus Garantien und Krediten, die mit Aufschlag weitergereicht werden). Dass dieser Ernstfall nicht als völlig abwegig betrachtet wird, zeigen leicht steigende Zinsen auf Bundesanleihen und teurere Kreditausfallversicherungen.

Die zweite Hauptrolle ist positiver: die der Konjunkturlokomotive, die auch die schwachen Länder der EU aus dem Krisensumpf ziehen soll. Auf Deutschland ruhen die Hoffnungen der Auguren, die der EU für das kommende Jahr ein Wachstum von 1,7 Prozent zutrauen. Und für 2012 wird sogar ein Plus von 2 Prozent vorhergesagt.

Wie schnell Wachstum die Sorgen vertreibt, erleben wir momentan am stärksten. Die Steuern sprudeln, die Arbeitsämter befassen sich mit Fachkräftemangel – nicht einmal die zum Glück anhaltende Berliner Sparpolitik kann dem Aufschwung schaden – im nächsten Jahr könnte Deutschland schon wieder die Kriterien des Maastrichtvertrages einhalten mit einem Haushaltsdefizit von unter drei Prozent.

Zumindest eine abgespeckte Version dieses Wunders müssen wir uns auch für Irland und den Süden der EU wünschen. Da herrscht noch Massenarbeitslosigkeit, und die rigorose Sparpolitik bremst das Wirtschaftswachstum. Impulse (und Aufträge) aus Deutschland sind bitter nötig.

Ohne einen anhaltenden Aufschwung wird der mächtige Rettungsschirm nicht genügen. Wenn Spanien gerettet werden muss, schreit auch Portugal um Hilfe. Selbst wenn das alles noch irgendwie finanziell darzustellen ist, der Schirm noch weiter aufgespannt, ein Eurobond aufgelegt wird, wenn wir Deutschen als Euro-Profiteur Nr. 1 noch stärker in die Pflicht gehen, kann es hart werden. Und teuer.

Schon begehren die Menschen in den leidenden Südländern gegen die Sparprogramme auf. Die Party ist gefeiert, die Kopfschmerzen sollen andere haben. In Europa beginnt eine neue Zeit, eingeleitet vom Umbau der EU. Aus einem auf Wachstum von Wirtschaft und Mitgliederzahl programmierten losen Verbund selbstständiger Nationen wird eine im Mangel gestählte, Eigensinn aufgebende und die Führung der Starken (allen voran der Deutschen) akzeptierende Gemeinschaft. Das wird schmerzhaft. Aber es ist wahrscheinlich der einzige Weg.

Alternativen? Immer wieder wird diskutiert, dass die Griechen oder Iren oder Spanier im Notfall am besten die Eurozone verlassen und die alten Währungen wieder einführen (und sie dann nach Belieben abwerten) sollen. Oje: Abgesehen davon, dass Drachme und Peso völlig verschwunden sind (es gibt keinen Währungsumschalter, sondern nur einen langen Prozess) – die betroffenen Länder würden in eine Abwertungsspirale geraten, die ihnen viel mehr schadet als nutzt. Die Einfuhr von Waren und Geld würde stocken und die enormen Investments deutscher Banken (= Anleger, Rentner, Versicherungen) wären trotzdem verloren.

Wahrscheinlich gibt es in der Eurozone nur ein Land, das den Kraftakt einer Rückkehr zur alten Währung schaffen könnte: Deutschland. Aber daran denken wir nicht mal im Traum. Oder? Warten Sie mal ab. Wenn die Garantien fällig werden, wenn die Griechen und Spanier unter politischem Druck ihren Sparkurs verlassen, könnte genau das gefordert werden. Und zwar von der Mitte unserer Gesellschaft. Hoffen wir für diesen Fall auf Einsicht und Geduld. Und ansonsten bauen wir feste darauf, dass der Aufschwung robust genug ist, uns vor diesem Dilemma zu verschonen.

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