Auch billige US-Produkte sind Ladenhüter

Gut und teuer - trotz der Abwertungsspirale, die den Euro stark und deutsche Exporte teuer macht, brummen die Ausfuhren - nicht nur von Oberklasse-Autos. Darüber sollten die Amerikaner, die sich am Währungskrieg beteiligen, mal nachdenken.

Gut und teuer - trotz der Abwertungsspirale, die den Euro stark und deutsche Exporte teuer macht, brummen die Ausfuhren - nicht nur von Oberklasse-Autos. Darüber sollten die Amerikaner, die sich am Währungskrieg beteiligen, mal nachdenken.

Auch wenn es eine kleine Delle in der Wachstumskurve gibt: Die deutsche Exportmaschine schleppt den Aufschwung unverdrossen. Im Vergleich zum Juli gingen die Ausfuhren im August zwar um 0,4 Prozent zurück – aber im Jahresvergleich zogen sie um 26,8 Prozent an. Das Wachstum der Exporte in Länder außerhalb der EU nahm sogar um mehr als 40 Prozent zu. Aber jetzt haben sich die Rahmenbedingungen geändert: Die Welt leistet sich einen Währungskrieg, der leicht in einen Handelskrieg münden kann. Allen voran Amerikaner und Chinesen drücken den Wert ihrer Währungen – das macht den Euro stark. Und teuer. Und mit dem Euro steigen die Preise der deutschen Exporte. Aber Sorgen müssen wir uns vorerst noch nicht machen.

Das liegt nur in zweiter Linie an dem Spitzentreffen des Internationalen Währungsfonds. Auch wenn es gelingt, die Chinesen davon abzubringen, ihre Währung künstlich billig zu halten, können wir sicher sein, dass China es nicht allzu lange allzu ernst meint. Korrekturen seiner Währungspolitik nimmt Peking allenfalls in homöopathischen Dosen vor – die Konsensstreifen am Himmel der Weltfinanzen sind flüchtig.

Warum sollten die Chinesen auch nachgeben? Sie sitzen auf 2500 Milliarden amerikanischen Dollar – zu einem beachtlichen Teil in Staatsanleihen. Die USA hängen an diesem Tropf. Und füllen ihn immer weiter, weil chinesische Waren so billig sind und Amerika so gerne konsumiert.

Weil sich China in den vergangenen Wochen nur minimal bewegt hat, bewegen sich die Amerikaner. Sie schaffen die Voraussetzungen dafür, Zölle einzuführen. Die Kalkulation: Wenn China seine Ausfuhren künstlich billig hält, schlagen wir Zölle drauf und machen chinesische Waren künstlich teurer – um die eigene Wirtschaft zu schützen. Aber dann werden die Chinesen Zölle auf Waren aus Amerika kassieren, die USA werden ihre Zölle erhöhen u.s.w.

Zölle sind keine gute Idee. Am Ende verlieren beide Seiten, und die Verbraucher im eigenen Land sind sauer, weil sie die Rechnung bezahlen müssen. Aber auch die Abwertungsspirale ist fatal: Weil China sich mit seinem Billig-Yuan (Renminbi ist mir einfach zu kompliziert) Vorteile verschafft, machen die Amerikaner den Dollar billiger – für einen Euro gab es gestern zeitweise wieder gut 1,39 Dollar (in der Euro-Krise war der Kurs auf 1,2 Dollar gesunken). Neben dem Euro erreichte auch der japanische Yen neue Kursspitzen, obwohl das Land am Boden liegt und neue Konjunkturprogramme beschließen muss. Wer findet so was noch logisch?

Was tun? Die Japaner lassen ihre Notenbank eingreifen und setzen den Leitzins auf Null – der Yen steigt trotzdem. Brasilien bremst mit Kontrollmechanismen den Zufluss fremden Geldes – und verliert dennoch Exportschub. Also doch Zölle?

Die Hoffnungen ruhen auf der Jahrestagung von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) – und auf neuen Regeln für die ungeregelten und immer stärker an nationalen Egoismen orientierten Märkte. Die Sehnsucht hat einen Namen: Bretton Woods. So heißt ein Ort in den USA, wo 1944 ein neues Währungssystem eingeführt wurde – nachdem eine Abwertungsspirale den Welthandel zerstört hatte. 44 Nationen koppelten ihre Währungen an den Dollar. Dieses feste System brach 1971 zusammen, nachdem das Vietnam-Desaster die Wirtschaftskraft der Amerikaner überfordert hatte. Danach herrschte die Hoffnung, dass alleine Marktmechanismen neue Ungleichgewichte verhindern würden. Aber diese Hoffnung hat sich spätestens in den vergangenen Wochen verflüchtigt.

Angesichts der gegenwärtigen Spannungen erscheint ein neues Währungssystem mit festen Schwankungsbreiten erstrebenswert. Aber das wird nichts taugen, ohne dass sich China daran beteiligt. Selbst dann ist fraglich, ob das System lange funktioniert – und das liegt an den Amerikanern.

Vielleicht ist ja gar nicht die billige China-Währung daran Schuld, dass die USA so viel mehr Waren ein- als ausführen. Am Ende liegt es an der Qualität der Waren? Und daran, dass jenseits des Atlantiks die Wirtschaft radikal umgebaut wurde von einer Industrie- in eine Dienstleistungsgesellschaft. Vielleicht leben die Amerikaner seit Jahren schon schlicht über ihren Möglichkeiten (die eben nicht unbegrenzt sind) – und lassen sich das von China finanzieren.

Dass darin ein Stückchen Wahrheit liegt, beweisen – natürlich – wir Deutschen. Uns muss nicht einmal der starke Euro große Sorgen bereiten. Zum einen exportieren wir etwa zwei Drittel in den Euroraum. Ohne Währungsrisiken. Und das andere Drittel? Deutschland exportiert in erster Linie Investitionsgüter, häufig Produkte, die man nirgendwo anders bekommt – oder in schlechterer Qualität. Und bei denen die Kunden nicht auf den Cent schauen, wie bei den China-Konsumgüter-Exporten in die USA.

Die Amerikaner haben das gewaltige Defizit ihrer Handelsbilanz ganz sicher auch selbst verursacht. Gut möglich, dass auf der anderen Seite China seinen Überschuss auch selbst in den Griff bekommt – unter Druck: Wenn die Chinesen guten Lohn für gute Arbeit verlangen. Noch lauter als bisher. Wenn sie ihren Anteil am Überschuss haben wollen – und ihn dann ausgeben, wie es Chinas Neureiche heute schon vormachen und damit die Auftragsbücher von Mercedes, Audi und BMW mit Oberklasse-Orders füllen.

Ich hoffe, dass die Welt die Zeit hat, auf zunehmenden Wohlstand für hunderte Millionen Chinesen, Brasilianer und Inder und bessere amerikanische Autos und Maschinen zu warten, bevor Währungskriege und schief liegende Handelsbilanzen dem internationalen Handel den Garaus machen. Denn auf ein neues Bretton Woods warten wir wahrscheinlich länger.

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