Vereint – dank Internet und Klimawandel

Alles vereint, alles in Ordnung? Nicht nur die Deutschen haben dafür gesorgt, dass Ost und West sich verbinden. Noch mehr haben das die neuen globalen Chancen und Risiken geschafft.

Alles vereint, alles in Ordnung? Nicht nur die Deutschen haben dafür gesorgt, dass Ost und West sich verbinden. Noch mehr haben das die neuen globalen Chancen und Risiken geschafft.

Berlin, sagte neulich ein Kollege, hatte damals eine ganz besondere Atmosphäre. Er meinte das Gefühl, im Paradies eingemauert zu sein, umgeben von Russen, deren sozialistischen Stasi-Komplizen und unschuldigen deutschen Gefangenen. Der Anflug mit PanAm über den düsteren Osten ins hell leuchtende West-Berlin. Wie lange ist das her? So lange jedenfalls, dass beinahe die Hälfte der deutschen Bevölkerung sich nicht erinnern wird. Und ein Viertel hat Ossi und Wessi weder als Streithähne noch als Witzfiguren erlebt. Geschichte wächst in der Gegenwart – und die wird nicht mehr von Ost und West beherrscht, sondern von globalen Problemen und Chancen. Dass Deutschland damit weltmeisterlich klar kommt, haben wir auch der Wiedervereinigung zu verdanken.

Die einen haben es nicht erlebt, die anderen vergessen und verdrängt: Am 3. Oktober 1990 endete der Kalte Krieg. Und die Globalisierung gab Gas. Während wir noch die Vorurteile pflegten von raffgierigen Besserwessis und Rentnerheeren in sozialistischen Hängematten, wurde die Welt auf den Kopf gestellt. Auch die Wessis hatten es sich gemütlich gemacht im Rheinischen Kapitalismus, mit AEG und Neckermann – wir wurden unsanft aufgeschreckt. Aber nicht Bitterfeld, Leuna, Buna, Trabi brachten unsere altdeutschen Wohnzimmer, Marke Eiche, rustikal, durcheinander, sondern das Internet, die fleißigen Chinesen, Inder und Brasilianer, die Machtverschiebung von altem Geld und alten Fabriken hin zu Bodenschätzen und Wissbegier, die Sorge vor Terror, Überalterung, Klimawandel und dem Ende der Bodenschätze.

Schnell hat die Globalisierung der Wirtschaft, des Reisens und der Probleme den Mangel an blühenden Landschaften überstrahlt. Was noch fehlte an Einheit, das hat die Krise geschafft: Nicht die Vergeudung von Soli-Milliarden durch alte Seilschaften brachte unseren Wohlstand ins Wanken, sondern Geldgier an Hudson, Themse und in Frankfurt/Main.

Aber wir haben es geschafft. Nichts schweißt so schnell und so fest zusammen wie ein gemeinsames Schicksal, eine vereint überstandene Bedrohung. Heute sind wir ein Volk, vereint angekommen in einer globalen Welt. Die Einheit hat das Land nicht geschwächt, sondern stark gemacht: Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern tragen mit moderner Infrastruktur und weit offenen Türen nach Osten wesentlich dazu bei, dass die Exportmaschine auf Hochtouren läuft. Eine Ostdeutsche Protestantin an der Spitze der Regierung, ein ehemaliger Bürgerrechtler als (Beinahe-)Bundespräsident der Herzen – wer verliert darüber noch ein Wort des Wunderns?

Und ganz offenkundig hat der Geist von 1989 (Ost) auch im Westen überlebt: „Wir sind ein Volk“, „wir sind DAS Volk!“, signalisieren die Protestierer am Stuttgarter Bahnhof und die Atomgegner vor dem Kanzleramt. Ein Volk, das sich laut und deutlich politisch artikuliert – das ist in den Parteistrategien noch nicht ausreichend vorgesehen. Aber wenn die Politik diese neuen Kräfte einbindet und sich erneuert, wird sie dem vereinten Deutschland auch die politische Größe geben, die es vereint verdient hat.

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